Es gibt Tage, an denen der Kopf nach vielen Gesprächen voll ist mit Sätzen, die alle vorsichtig klingen wollten. Wenn ich donnerstags das Büro verlasse und die Straßenbahn nach oben nehme, brauche ich eine Weile, bis die Anspannung nachlässt. In Wenn der Arbeitstag endet habe ich beschrieben, wie wichtig der Übergang zwischen der Arbeit in der Stadt und der Wohnung im Frauenland für mich ist. Manchmal gehe ich nicht direkt nach Hause. Ich biege an der Matthias-Ehrenfried-Straße ab und gehe in die Kirche.
Wer St. Alfons betritt, blickt fast unwillkürlich nach vorn. Das monumentale Altarbild von Georg Meistermann beherrscht den Raum mit seinen leuchtenden Farben und einer Bildfläche, die über zweihundert Quadratmeter misst. Ich habe mich in St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne ausführlicher mit der Entstehung des Gebäudes beschäftigt. Heute aber suche ich nicht das Große. Mein Blick bleibt an der linken Seitenwand hängen, wo in schlichten Rahmen eine Reihe von Holzschnitten hängt.
Drucke auf rauem Grund
Die vierzehn Stationen stammen von HAP Grieshaber. Es handelt sich um den Zyklus „Kreuzweg der Versöhnung“, den der Künstler 1957 geschaffen hat. Die Drucke kamen nicht gleich beim Bau in das Gebäude. Erst 1994, vierzig Jahre nach der Weihe durch Bischof Julius Döpfner, kaufte die Gemeinde die Blätter für St. Alfons an. Wie das Haus der Bayerischen Geschichte in seiner Dokumentation zur Geschichte des Klosters festhält, war die Niederlassung der Redemptoristen auf dem Keesburger Neuberg eng mit der Seelsorge für die wachsende Nachkriegssiedlung verbunden. Dass dieser Zyklus vier Jahrzehnte später hier einzog, war eine bewusste Entscheidung für ein Werk, das keine gefällige Frömmigkeit zur Schau stellt.
Die Technik des Holzschnitts verlangt Widerstand. Grieshaber zeichnete nicht mit feiner Feder auf glattem Karton; er schnitt mit Beitel und Messer in das Holz. Wo das Holz astig oder spröde war, splittern die Kanten. Die Figuren auf den Drucken haben schwere, kantige Körper, große Hände und Gesichter, die auf das Nötigste reduziert sind. Neben dem Druck wirkt die Wand, an der sie hängen, fast wie eine Fortsetzung des Materials: Der Sichtbeton von Architekt Hans Schädel trägt die horizontalen Rillen der hölzernen Schalungsbretter, in die der flüssige Zement damals gegossen wurde. Man sieht das Holz im Negativ an der Wand, und man sieht das bearbeitete Holz im Druck auf dem Blatt.
Was Versöhnung aushalten muss
Grieshaber schuf diesen Zyklus 1957 unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verbrechen und der Zerstörung des Krieges. Der Gedanke der Versöhnung war damals kein theoretischer Begriff, sondern eine Frage des Weiterlebens zwischen Trümmern und unbegreiflicher Schuld.
In meinem Beruf als Personalreferentin begegnet mir das Wort Versöhnung selten; man nennt es dort Konfliktbeilegung, Interessenausgleich oder Kompromissfindung. Wie ich in Was mein Berufsweg über mich erzählt festgehalten habe, gehört das Vermitteln bei Spannungen zu meinen alltäglichen Aufgaben. Oft geht es darum, Worte so abzufedern, dass niemand das Gesicht verliert. Wir suchen nach Vereinbarungen, die tragfähig erscheinen, und manchmal gelingt das auch. Aber ein geschlossener Vergleich ist noch keine Versöhnung. Grieshabers Bilder zeigen, dass Ausgleich nicht durch das Glätten von Kanten entsteht. Auf den Blättern wird geschlagen, gefallen, getragen und geschwiegen. Das Kreuz ist kein zierliches Symbol, sondern ein massiver Holzbalken, der die Figuren niederdrückt. Versöhnung bedeutet hier, die Schwere einer Tatsache auszuhalten, statt sie wegzumoderieren.
Für mich liegt darin ein Trost, der nichts mit einfacher Erbauung zu tun hat. Ich schätze an diesem Raum, dass er Widersprüche stehen lässt. In Meine Beziehung zu St. Alfons habe ich notiert, dass ich hier keine Rechenschaft schuldig bin. Ich muss keinen Beschluss formulieren und keine Sitzung leiten. Die Härte dieser Holzschnitte verlangt keine Zustimmung; sie verlangt nur Aufmerksamkeit.
Der Schritt von Station zu Station
Der Fußboden in St. Alfons ist nicht eben. Er steigt vom Eingang her sanft zur Altarinsel hin an. Wer die Stationen abschreitet, bewegt sich langsam bergan. Es ist dieselbe Steigung, die man auch draußen im Viertel spürt, wie ich es in Ein Weg durch Keesburg beschrieben habe. An der Wand kommt man an Stationen vorbei, die man aus der Überlieferung kennt: die Verurteilung, das erste Fallen, die Begegnung mit der Mutter, das Tuch der Veronika, die Entblößung.
An der linken Wand begegnet man auch dem bronzenen Kruzifix von Julius Bausenwein aus dem Jahr 1955. Es hängt dort mit derselben herben Zurückhaltung. Wer nachliest, wie die Gartenstadt ab 1950 auf den früheren Feldern entstand, wie es in Frauenland und Keesburg: ein genauer Blick auf den Stadtbezirk dargelegt ist, versteht den Willen dieser Jahre: Man wollte nach den Zerstörungen der Innenstadt sachliche, lichte Wohnungen bauen, und man schuf dazu eine Kirche, die nichts vormacht.
Es gibt Kunstwerke, die man einmal betrachtet und dann abgehakt hat. Bücher, die man wegstellt, oder Bilder, die man schnell versteht. Was ich an Büchern schätze, die bleiben, habe ich in Was ich lese und behalte notiert: Sie geben ihre Antwort nicht beim ersten Durchblättern preis. Grieshabers Blätter gehören in diese Kategorie. Man kann vor der zehnten oder zwölften Station stehen und einfach nur das Zusammenspiel von schwarzer Druckfarbe und stumpfem Papier ansehen.
Zurück in den Abend
Als ich die Kirche verlasse, fällt die schwere Bronzetür leise ins Schloss. Draußen steht der knapp vierzig Meter hohe Campanile schlank im Spätnachmittagslicht. Um kurz vor sieben ist der Vorplatz ruhig; nur die Blätter der Kastanienbäume rascheln im ersten Herbstwind. Vom Neuberg aus blickt man hinab auf die Straßen, auf denen die Autos mit eingeschalteten Scheinwerfern fahren.
Ich nehme den Weg nach oben zu unserer Wohnung. Die Stationen an der Wand haben mir keine Ratschläge für den nächsten Arbeitstag gegeben, und das ist gut so. Sie haben mir lediglich gezeigt, dass Widerstand zum Material gehört, ob man nun Holz bearbeitet, Gebäude errichtet oder mit Menschen arbeitet.
