Lesezeichen
Sachen, die ich gelesen habe und nicht loswerde.
Ich verlinke nichts, was ich nicht gelesen habe, und schreibe dazu, was hängengeblieben ist. Keine Empfehlungen im Werbesinn, sondern Notizen dazu, warum diese fünf geblieben sind.
Geschichte und Chronik der Keesburg und ihrer Umgebung
Erwin Schmollinger Würzburg 2013
Ein dickes, unmodisches Buch über einen Stadtteil, in dem ich seit fünfzehn Jahren wohne. Ich habe es nicht am Stück gelesen, sondern immer wieder einzelne Kapitel, meistens nach einem Spaziergang, wenn ich wissen wollte, was ich gerade gesehen hatte. Der Abschnitt über die Siedlungen der zwanziger Jahre hat mir erklärt, warum die Häuser an der Keesburgstraße so anders aussehen als alles daneben. Solche Bücher werden nicht beworben und nicht besprochen. Sie existieren, weil jemand jahrelang Akten gelesen hat.
Counterproductive: Time Management in the Knowledge Economy
Melissa Gregg Duke University Press 2018
Eine australische Medienwissenschaftlerin hat sich angesehen, was Zeitmanagement in Büros tatsächlich bewirkt. Ihr Befund ist unbequem für alle, die Kalender und Prioritätenlisten verkaufen: Die Werkzeuge verschieben die Arbeit oft nur, statt sie zu verringern, und sie machen das Ausmaß der Verschiebung unsichtbar. Ich habe das Buch in einer Phase gelesen, in der ich selbst geglaubt habe, mein Problem sei die Organisation. Es war nicht die Organisation.
Unverfügbarkeit
Hartmut Rosa Residenz Verlag 2018
Kurz, streckenweise repetitiv, und trotzdem das Buch, aus dem ich am häufigsten einen Satz weitergebe. Der Gedanke, dass sich die Dinge, die einem etwas bedeuten, nicht herstellen lassen, sondern nur entstehen können, hat bei mir eine ganze Berufsphase rückwirkend sortiert. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um zuzugeben, dass er auf mich zutrifft. Der Einwand, den ich bis heute nicht auflösen kann: In einem Betrieb muss man planen, ob man will oder nicht.
Die Jahre
Annie Ernaux Suhrkamp 2017
Ernaux erzählt ihr eigenes Leben nicht als Geschichte, sondern als Schichtung: Fotos, Sätze anderer Leute, politische Ereignisse, Dinge, die man damals kaufte. Ich habe lange nicht verstanden, warum mich das mehr berührt als jede Erinnerung in der Ich-Form. Inzwischen glaube ich, es liegt daran, dass sie das Private nie aus dem Zusammenhang schneidet. Ich lese das Buch alle paar Jahre wieder und finde jedes Mal eine andere Stelle wichtig.
Mystik und Widerstand
Dorothee Sölle Hoffmann und Campe 1997
Ein Buch, das ich mir vor Jahren aus einem öffentlichen Bücherschrank mitgenommen habe, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse. Sölle verbindet ein altes, frommes Wort mit einer sehr politischen Haltung und macht damit etwas, was in kirchlichen Debatten selten gelingt: Sie trennt Innerlichkeit und Verantwortung nicht. Ich stimme ihr nicht in allem zu. Ich lese sie trotzdem regelmäßig, weil sie Sätze schreibt, die einen nicht in Ruhe lassen.
Meine Beziehung zu St. AlfonsSt. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne
