Seit Januar 2023 hat ein Unternehmen ein Jahr lang die Woche um einen Tag gekürzt. Martina Goldhorn hat am 10. Dezember 2023 aufgeschrieben, wie dieses Jahr verlaufen ist. Ihr Text steht bis heute auf der Website von Janus Team und ist die einzige Quelle, die ich zu diesem Fall habe: der Bericht des Unternehmens über sein eigenes Experiment mit der Vier-Tage-Woche. Wer ihn liest, liest keine Untersuchung. Er liest, was ein Betrieb über sich selbst sagen will. Genau deshalb habe ich ihn zweimal gelesen, einmal schnell und einmal langsam.
Was im Betrieb geändert wurde
Vollzeit hieß dort vorher 40 Stunden, jetzt 36, bei gleichbleibendem Gehalt. Die 36 Stunden verteilen sich auf vier Tage; der fünfte bleibt frei, und wer an ihm arbeitet, tut das im Homeoffice oder beim Kunden. Erklärtes Ziel war, in der Regel drei Tage Wochenende zu haben. Der Mechanismus ist unspektakulär: weniger Stunden, gebündelte Tage, gleiches Geld.
Die berichteten Erfahrungen fallen überwiegend freundlich aus. Die Motivation an der eigenen Produktivität sei hoch, das verlängerte Wochenende werde geschätzt und erlaube eine bessere Erholung, Überstunden hätten sich gegenüber der Fünf-Tage-Woche nicht signifikant verändert, der Geschäftserfolg sei etwas besser gewesen als im Vorjahr. Und es kamen viele Bewerbungen, für ein kleineres Unternehmen vermutlich das schwerste Argument.
Die Kosten stehen im selben Text, nur leiser. Aus dem Team kommen der Endspurt am Donnerstag, das volle Postfach am Montag, längere Arbeitstage, die ein anderes Energiemanagement verlangen, und weniger Abendunternehmungen. Manchmal, so heißt es dort, fehle der „smoothe Freitag“. Dieser Satz ist der nützlichste des Berichts, weil er etwas benennt, das in keiner Kennzahl aufgeht.
Geblieben ist das Unternehmen dauerhaft bei der Vier-Tage-Woche, nach eigener Angabe ohne festgestellte Risiken. Das ist der glatteste Satz im ganzen Text. Ich kann ihn weder widerlegen noch prüfen. Er markiert die Stelle, an der eine Selbstauskunft endet und eine Untersuchung anfangen würde.
Die Grenzen einer Selbstauskunft
Der Fall zeigt, dass ein Betrieb mit 36 Stunden an vier Tagen ein Jahr lang arbeiten kann, ohne dass nach eigener Darstellung die Arbeit liegen bleibt. Er zeigt nicht, dass es überall so läuft. Es gibt keine Vergleichsgruppe, keine von außen erhobene Messung, keine Trennung von Wirkung und Erwartung. Wer nach einem Jahr noch da ist und Auskunft gibt, gehört vermutlich eher zu denen, die bleiben wollten. Das ist keine Unterstellung, es ist die normale Grenze eines Berichts, den ein Unternehmen über sich selbst schreibt.
Schwer zu trennen sind Zufriedenheit und Produktivität. Wenn vier Tage die Arbeit aufnehmen sollen, für die vorher fünf zur Verfügung standen, wächst der Druck auf jeden einzelnen Tag. Wer das als Schub erlebt, arbeitet konzentrierter. Wer es als Verdichtung erlebt, arbeitet schneller und macht mehr Fehler. Beides kann in derselben Bilanz als gute Leistung erscheinen. Die Aussage, die Motivation an der eigenen Produktivität sei hoch, beschreibt ein Gefühl und kein Ergebnis. Dass die Geschäftszahlen etwas besser waren als im Vorjahr, ist ein Ergebnis mit vielen möglichen Ursachen; der Bericht trennt keine davon ab.
Was eine Statistik wie die Teilzeitquote in Deutschland über das Land sagt und was sie offenlässt, gilt an einem einzelnen Unternehmen in kleinerem Maßstab. Ein Fall ist ein Hinweis, keine Regel.
Wer freitags noch erreichbar ist
Betriebe bestehen selten aus einer einzigen Gruppe mit derselben Arbeit. Neben den Menschen, deren Aufgaben sich in vier Tage bündeln lassen, gibt es andere: den Vertrieb, der sich nach den Terminen der Kundinnen und Kunden richtet, den Support mit zugesagter Erreichbarkeit, die Produktion im Schichtbetrieb, die Abrechnung zum Monatsende. Ist eine Abteilung freitags geschlossen, merken das nicht allein die eigenen Leute. Anfragen kommen am Montag doppelt an, Zusagen verschieben sich, und Kolleginnen und Kollegen in anderen Funktionen fangen auf, was sie auffangen können. Zu dieser Seite sagt der Bericht nichts. Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Es heißt, dass sie in der Selbstauskunft nicht vorkommt.
Für jemanden, der nach einer Pause beruflich zurückkehren will, ist das keine Nebenfrage. Ein Modell, das an einer Stelle funktioniert, muss an einer Schnittstelle noch lange nicht funktionieren.
Warum der Freitag mehr ist als ein Tag ohne Arbeit
Im Betrieb ist der Freitag oft der Tag ohne Kundentermine. Er ist der Tag, an dem die Woche abgeräumt wird, an dem die Telefonate geführt werden, für die sonst niemand Zeit hat, an dem die Aufgabe erledigt wird, die Ruhe braucht. Fällt er weg, verschwindet diese Arbeit nicht. Sie rutscht in die verbleibenden Tage oder in den Abend. Der Endspurt am Donnerstag, von dem das Team bei Janus erzählt, ist genau das: eine Aufgabe, die ihren Platz verloren hat. Über diesen Übergang habe ich in Wenn der Arbeitstag endet geschrieben; eine kürzere Woche verschiebt ihn, sie schafft ihn nicht ab.
Bei mir fällt der Freitag weg, seit ich 28 Stunden an vier Tagen arbeite. Mein Betrieb ist nicht Janus, und meine 28 Stunden sind keine 36. Was ich trotzdem wiedererkenne, ist die Form der Woche. Der Donnerstag ist voll, und ich schreibe das lieber vorher in den Kalender, als es hinterher zu bemerken. Freitags ist der Weg zur Haltestelle leerer. Die Glocken von St. Alfons um sieben Uhr höre ich an diesem Tag ohne Eile; über meine Beziehung zu St. Alfons habe ich an anderer Stelle geschrieben. Frei heißt an diesem Tag nicht unverplant: Er ist der Tag für die Bibliothek, für Termine, die sonst in den Abend rutschen.
Dass ich Arbeitszeitmodelle seit Jahren auch von der planenden Seite kenne, kommt nicht von ungefähr; was mein Berufsweg über mich erzählt, hat viel damit zu tun. Das Modell bei Janus ist trotzdem nicht mein Modell. Es ist ein Beispiel unter anderen, und in Was ich lese und behalte steht, welche Texte über Arbeit bei mir hängen geblieben sind.
Was ich nicht weiß: Was müsste ein Betrieb veröffentlichen, damit man seinem eigenen Bericht mehr entnehmen kann als die Absicht, die dahintersteht? Vielleicht wäre es schon viel, wenn jemand aufschriebe, wer die Arbeit am Freitag übernimmt. Auf meinem Schreibtisch liegt am Montagmorgen noch der Zettel vom Donnerstag. Ich hebe ihn auf und fange dort an, wo ich aufgehört habe.
