Von unserem Küchenfenster aus sehe ich den Turm von St. Alfons. Im Winter sieht man ihn deutlich, weil dann die Kastanie vor dem Haus kahl ist; im Sommer ist er weg, und ich vergesse für ein paar Monate, dass er da ist. Jedes Jahr im November fällt mir auf, dass ich ihn vermisst habe, ohne es gemerkt zu haben.
Ein Kirchturm als Wetteranzeige wäre ein schwacher Grund, über Religion zu schreiben. Ich fange trotzdem damit an, weil es stimmt und weil es die einfachste wahre Aussage über mein Verhältnis zu diesem Ort ist: Er ist zuerst ein Gebäude in meiner Nachbarschaft, und alles andere hat sich daran gehängt.
Wie ich dort gelandet bin
Aufgewachsen bin ich in Heidingsfeld, in einer Familie, in der man zur Kirche ging, weil es samstags so war. Erstkommunion mit neun, Ministrantin mit elf, mit sechzehn aufgehört. Es gab keinen Streit, keine Krise, keinen Anlass. Ich hatte einfach andere Samstage.
Zwischen sechzehn und dreißig bin ich vielleicht fünfmal in einer Kirche gewesen, und vier davon waren Hochzeiten. Als wir 2009 ins Frauenland zogen, war St. Alfons für mich ein Gebäude, an dem die Straßenbahn vorbeifährt, und ich hätte nicht sagen können, wem es gehört. Dass es sich um eine Kirche der Nachkriegsmoderne handelt, mit einem Bild von zehn mal zwanzig Metern hinter dem Altar und einem Architekten, der die Diözese geprägt hat, wusste ich nicht und wollte ich nicht wissen. Wer mehr über den Bau lesen will, findet das in St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne und in den Notizen unter St. Alfons im Frauenland.
Zurückgegangen bin ich an einem Mittwochnachmittag im Oktober, weil ich zwischen zwei Terminen eine Dreiviertelstunde zu überbrücken hatte und es regnete. Ich habe mich in die letzte Bank gesetzt und eine Weile auf die Wand geschaut. Dann bin ich wieder gegangen und habe die Dreiviertelstunde als erledigt verbucht.
Ich bin ein paar Wochen später noch einmal hingegangen. Ich kann nicht sagen, warum.
Was ich dort tue
Ich gehe werktags, meistens zwischen sechs und sieben, wenn geläutet worden ist. Ich setze mich nicht immer an dieselbe Stelle. Ich bete nicht im Sinn eines formulierten Gebets. Ich sitze da, ich schaue, ich sortiere.
Was auf den ersten Blick nach wenig klingt, ist in meinem Fall viel. Ich habe einen Beruf, in dem ich den ganzen Tag mit Menschen rede, Entscheidungen vorbereite und Formulierungen abwäge. In St. Alfons muss ich nichts davon tun. Es ist der einzige Ort in meiner Woche, an dem ich keine Erklärung abgeben muss.
Der Bau hilft dabei. Der Raum steigt zum Altar hin an, sodass man von hinten nach vorn automatisch etwas nach oben schaut, ohne sich dafür zu entscheiden. Das Licht fällt über Glaswände auf die Altarwand und liegt nicht gleichmäßig im Raum. Ich habe das lange für eine Bauentscheidung gehalten und erst später begriffen, dass es eine ist, die etwas bewirken soll. Über die Architektur des Viertels, in dem dieses Haus steht, steht mehr in Frauenland und Keesburg, und über den Weg dorthin in Ein Weg durch Keesburg.
Was ich glaube und was nicht
Ich glaube nicht, dass ich durch diese Kirche gläubiger geworden bin. Ich bin auch nicht sicher, dass ich sagen könnte, woran ich glaube, wenn mich jemand auf einem Fragebogen danach fragte. Ich bin getauft, ich bin Mitglied der Gemeinde über die Kirchensteuer, und ich habe kein Amt, keine Gruppe und keine Aufgabe.
Was ich habe, ist eine Praxis, die sich verselbständigt hat, und ein paar Sätze, die ich inzwischen für wahr halte, ohne sie herleiten zu können. Der wichtigste: Man muss nicht verstehen, was an einem Ort geschieht, um dort hinzugehen. Der zweite: Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn man einen Ort nur wegen der Ruhe mag.
Was ich nicht glaube, ist die Version, die ich manchmal höre, wenn Leute über Kirche sprechen: dass man zurückkommt, weil man etwas gefunden hat. Ich bin nicht zurückgekommen, weil ich etwas gefunden habe. Ich bin geblieben, weil ich nichts gefunden habe und es aushaltbar war.
Was ich nicht tue
Ich spreche nicht für die Pfarrei, ich kenne niemanden aus dem Gemeindeleben, und ich wäre die falsche Person, um jemandem zu erklären, was dort geglaubt wird. Diese Seite ist meine private, sie hat mit der Gemeinde nichts zu tun, und die Gemeinde weiß nichts von ihr.
Ich bin auch nicht die Person, die anderen empfiehlt, in die Kirche zu gehen. Was bei mir funktioniert, hat viel mit Zufall zu tun: mit der Entfernung, mit dem Geburtsjahr, mit einem Mittwochnachmittag im Regen.
Am Ende bleibt etwas Praktisches
Es gibt in meinem Leben eine Handvoll Situationen, in denen ich nicht weiterweiß und in denen ich niemanden anrufen will. Früher habe ich in solchen Fällen die Wohnung geputzt. Heute gehe ich hin, setze mich zwanzig Minuten hin und gehe wieder. Danach ist nichts gelöst. Es ist nur nicht mehr alles gleichzeitig da.
Dass ich inzwischen 28 Stunden an vier Tagen arbeite und der freie Freitag meistens mit einem Teil dieses Weges zusammenfällt, habe ich in Wenn der Arbeitstag endet aufgeschrieben. Wie ich dorthin gekommen bin, steht in Was mein Berufsweg über mich erzählt. Und was ich in dieser Zeit lese, hat wenig mit Kirche zu tun und steht trotzdem in Was ich lese und behalte.
Vorgestern war der Kirchturm zum ersten Mal in dieser Saison wieder zu sehen.
