Es gibt zwei Wege von der Haltestelle zu unserer Wohnung. Der eine führt die Straße hinauf und an einer Garage vorbei, er ist ungefähr dreihundert Meter kürzer. Der andere geht hinter den Häusern eine flache Treppe hinauf, zwischen zwei Hecken hindurch, und dauert vier Minuten länger. Ich nehme fast immer den zweiten, ohne dass ich das je entschieden hätte.

Elf Stufen

Die oberste Stufe sitzt tiefer als die anderen. Wer die Treppe nicht kennt, stolpert einmal, und ich weiß das, weil ich selbst die Erste war, die es lernen musste.

Links steht eine Hecke, die zweimal im Jahr geschnitten wird und danach für ein paar Wochen aussieht wie frisch rasiert. Rechts eine Mauer aus Sandstein, die zu einem Grundstück gehört, dessen Haus man von hier aus nicht sieht. Auf halber Höhe ist die Mauer geflickt, mit Ziegeln statt Sandstein und in einem Ton, den niemand abgestimmt hat. Die Flickstelle ist etwa so groß wie ein Küchentisch. Ich sehe sie jedes Mal, und jedes Mal denke ich kurz, dass ich sie anders gemacht hätte, ohne zu wissen, wie.

Häuser, die in Abschnitten gebaut wurden

Oben steht man in einem Viertel, das nicht auf einmal entstanden ist. Die Reihenhäuser direkt hinter der Treppe sind schmal, haben Satteldächer und kleine Fenster, wie sie in den fünfziger Jahren üblich waren. Ein Stück weiter, an der Keesburgstraße, stehen Häuser aus den späten zwanziger Jahren, flache Dächer, klare Kanten, keine Verzierung. Sie wirken, als wären sie zwanzig Jahre zu früh gebaut und dann einfach stehen gelassen worden. Dass beide Sorten hier zusammengehören, hat mir erst ein Buch erklärt, das ich nach einem Spaziergang aufgeschlagen habe, statt es am Stück zu lesen: Frauenland und Keesburg beschreibt genau diesen Übergang, und seitdem sehe ich ihn.

Zwischen den Häusern liegen Gärten, die unterschiedlich ernst genommen werden. In einem stehen drei Apfelbäume und ein Gewächshaus mit abblätternder Farbe. Zwei Häuser weiter gibt es nur Kies und einen Strauch, der im Winter zusammengebunden wird. Der Kiesgarten ist gepflegter und langweiliger. Ich habe mir angewöhnt, das nicht als Urteil zu denken, weil ich nicht weiß, wer dort wohnt und warum.

Der Hang

Keesburg liegt höher als die Stadt, und der Weg nach Hause geht immer bergauf. Das ist im Winter relevant. Von Dezember bis Februar ist die Treppe morgens manchmal vereist, und dann gehe ich doch die Straße, an der Garage vorbei, und bin unzufrieden darüber, ohne dass es einen Adressaten für die Unzufriedenheit gäbe.

Im Frühsommer riecht der Weg nach Holunder, und zwar so stark, dass ich stehen bleibe. Im August ist alles staubig, und die Mauer speichert die Wärme und gibt sie abends wieder her, sodass man neben ihr noch um zehn Uhr die Hand auflegen kann. Im Oktober liegt Laub auf den Stufen, und die Stadt kommt mit einem Gerät, das die Blätter zur Seite bläst, woraufhin sie zwei Tage später wieder auf den Stufen liegen. Der Vorgang wiederholt sich drei- oder viermal und hat etwas von einem Gespräch, das nicht vorankommt.

Wer einem begegnet

Auf diesem Weg treffe ich im Durchschnitt eine Person. Meistens ist es eine Frau mit einem kleinen weißen Hund, der an der Hecke stehen bleibt und nicht weitergeht, bis sie ihn anspricht. Sie grüßt, ich grüße, wir haben in fünfzehn Jahren kein Wort mehr gewechselt.

Es gibt einen Mann, der seinen Rasen zu Zeiten mäht, zu denen andere Mittag essen. Einmal im Jahr, im Juni, hängt an einem der Gartentore für zwei Wochen ein Zettel, auf dem eine verlorene Katze gesucht wird. Ich habe die Katze nie gefunden, weder auf dem Zettel noch daneben.

An der Ecke oben steht die Kirche. Nicht direkt am Weg, aber ihr Turm ist von der oberen Stufe aus zwischen zwei Dächern zu sehen, und er ist das einzige, was mir auf diesem Weg wirklich die Richtung angibt. Der Kirchturm ist knapp vierzig Meter hoch, steht frei neben dem Kirchenbau, und ich habe mich lange gefragt, warum mir das auffällt. Es ist nicht die Höhe. Es ist, dass er sich nicht an das Gebäude daneben lehnt. Wie das gemeint ist und was für ein Bau das ist, steht in St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne, und was der Ort für mich ist, steht in Meine Beziehung zu St. Alfons.

Warum ich diesen Weg gehe

Eine Zeit lang habe ich den kürzeren Weg genommen, jeden Tag, und mich abends nicht daran erinnert, wie ich nach Hause gekommen war. Das ist keine dramatische Beobachtung. Es ist nur der Grund, warum ich heute den anderen nehme: Ich komme auf dem längeren Weg mit einem anderen Kopf oben an.

Über Arbeit und über den Übergang in den Abend schreibe ich an anderer Stelle genauer, in Wenn der Arbeitstag endet. Wer wissen will, wie ich überhaupt dazu gekommen bin, hier zu wohnen, findet das in Was mein Berufsweg über mich erzählt. Für Menschen, die nach einer Pause wieder anfangen und sich fragen, ob so ein Weg zurück bergauf oder bergab geht, gibt es einen eigenen Text: Beruflich zurückkehren.

Vorgestern hat jemand den Flick in der Mauer neu verfugt. Es ist jetzt ordentlicher und fällt mehr auf als vorher.