Wer in Würzburg eine Wohnung sucht, liest in der Anzeige vom Frauenland und hört beim Besichtigungstermin von Keesburg. Die beiden Namen gehören zur selben Gegend, meinen aber nicht dasselbe. Ich wohne seit 2009 hier und habe eine Weile gebraucht, bis ich den Unterschied sicher erklären konnte.
Zwei Namen, zwei Ebenen
Frauenland ist ein Stadtbezirk im Osten Würzburgs. Das ist die Ebene, auf der die Stadt rechnet: Statistik, Grenzen, Zuständigkeiten. Keesburg ist Stadtteil Nummer 12 innerhalb dieses Bezirks und liegt an seinem südöstlichen Rand. Wer in der Keesburg wohnt, wohnt also im Frauenland. Umgekehrt gilt das nicht.
Der Bezirk ist groß und alles andere als einheitlich. Sein Kern liegt weiter nördlich um die Wittelsbacherstraße, im Nordosten reicht er an den Mönchberg. Östlich beginnt Gerbrunn, südöstlich Randersacker, südlich liegt jenseits des Mains Heidingsfeld, westlich Sanderau. Die Keesburg nimmt davon nur den Hang ein, der nach Südosten abfällt.
Von einem Sommersitz zur Gartenstadt
Der Name geht auf Joseph Georg Kees zurück, einen Maurermeister aus Gaubüttelbrunn, der 1811 und 1812 auf dem Neuberg einen Sommersitz errichtete. Um 1850 erscheint die Schreibweise „Kessburg“, 1867 auch „Käsburg“. Aus dem Sommersitz wurde ein Ausflugslokal, später ein Hofgut. 1896 kaufte die Stadt Würzburg das Gut für 71.879 Mark.
Ab 1927 wuchs um das Gut eine Siedlung. Der Kern entstand als Hindenburg-Siedlung aus einer Spendenaktion heraus. Am 15. September 1927 stellte die Stadt das Baugrundstück an der Ecke Sanderroth- und Damaschkestraße bereit, Ende April 1928 begannen die Bauarbeiten, im Dezember 1928 zogen die ersten Siedler ein. 1931 folgte die Hindenburg-Siedlung II an der Schanz- und der Bodelschwingstraße. Die GAGFAH baute zehn Mehrfamilienhäuser für städtische Angestellte.
Ende der 1920er Jahre entstanden an der Keesburgstraße und am Lerchenhain kubische Flachdachvillen der Neuen Sachlichkeit von Peter Feile mit Walter Loos. Zwischen den späteren Satteldächern wirken diese Häuser bis heute wie eine kurze Unterbrechung. Wer sie sehen will, muss zu Fuß gehen und die Straßenseite wechseln; diesen Weg habe ich in Ein Weg durch Keesburg beschrieben.
Das Gutshaus wurde im März 1945 zerstört und 1954/1955 abgerissen. Danach plante das Würzburger Bauamt unter Oberbaudirektor Anton Mokroß eine Gartenstadt für etwa 7.000 Menschen. Ab 1950 wurde gebaut, die letzte Erweiterung war 1976 abgeschlossen. Die Keesburg ist deshalb keine gewachsene Vorstadt, sondern ein Ort aus mehreren datierbaren Schüben.
Vieles davon weiß ich nicht aus Akten. Es kommt aus Gesprächen und aus Texten, die weitergegeben werden. Ein Beispiel ist ein Porträt eines Keesburger Heimatforschers in der Main-Post. Das ist ein Zeitungsbeitrag und keine wissenschaftliche Arbeit. Ich verlinke ihn, weil dort eine lokale Stimme spricht, die Straßennamen, Gebäude und ältere Erzählungen zusammenbringt, und nicht, weil sich meine Angaben darauf stützen.
Wo St. Alfons liegt
Die katholische Pfarrkirche St. Alfons steht in der Matthias-Ehrenfried-Straße 2, auf dem Neuberg. Sie gehört zur Gartenstadt Keesburg, auch wenn sie an deren Rand steht und nicht in der Mitte. Für die Katholiken der jungen Siedlung wurde 1951 eine Kirchengemeinde gegründet, mit ihr eine Niederlassung der Redemptoristen. Deren Ordenspatron, Alfons Maria von Liguori, wurde Pfarrpatron. Im selben Jahr wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, dessen Ergebnisse die Kommission nicht überzeugten. Zusätzlich kamen zwei Entwürfe von Hans Schädel in die Diskussion. Sein letzter Entwurf wurde am 1. Juli 1953 genehmigt, am 2. August 1953 legte man den Grundstein, und am 7. November 1954 weihte Bischof Julius Döpfner die Kirche.
Der freistehende Campanile steht nördlich des Baus und ist knapp 40 Meter hoch. Wie die Kirche entstanden ist und wie ihr Raum sich zum Altar hin öffnet, steht in St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne.
In derselben Straße steht die Wetterwarte des Deutschen Wetterdienstes, eingeweiht am 11. April 1981. Seit 2016 ist sie unbesetzt, die Daten laufen automatisch weiter. Zum Bezirk gehört außerdem die Volkssternwarte, am 6. Mai 1966 eingeweiht und seit 1985 von einem Trägerverein getragen. Keesburg ist also mehr als ein Wohnhang: ein Messfeld, auf dem seit Jahren niemand mehr Dienst tut, und ein Observatorium gleich in der Nähe.
Wie ich das Viertel wahrnehme
Aufgewachsen bin ich in Heidingsfeld, auf der anderen Mainseite. Das Frauenland war für mich lange die Gegend, in die man mit der Straßenbahn fuhr, wenn dort jemand wohnte. Seit 2009 wohne ich selbst hier, ein paar Minuten von St. Alfons entfernt. Vom Küchenfenster aus sehe ich den Turm, im Winter deutlicher als im Sommer, weil die Bäume dann leer sind.
Die Glocken höre ich werktags um sieben und um achtzehn Uhr, sonntags länger. Ich gehe nicht jedes Mal hin. Der Klang sagt mir trotzdem, wie spät es ist. Was dieser Ort für mich geworden ist, steht in Meine Beziehung zu St. Alfons.
Mein Arbeitstag beginnt mit einem Fußweg zur Haltestelle und endet mit der Straßenbahn. Zurück geht es bergauf, und dieser Anstieg ist für mich die eigentliche Grenze zwischen Arbeit und Abend. Was danach kommt, habe ich in Wenn der Arbeitstag endet aufgeschrieben.
Dass ich an vier Tagen arbeite und freitags frei habe, ist das Ergebnis eines Berufswegs mit Umwegen; was mein Berufsweg über mich erzählt, habe ich an anderer Stelle festgehalten. Wenn ich im Büro eine Adresse angebe, schreibe ich Frauenland. Wenn ich zu Hause erzähle, wo ich war, sage ich Keesburg. Beides stimmt.
Am Samstag gehe ich zum Wochenmarkt, danach in die Bibliothek und zu einem Laden in der Hans-Löffler-Straße. Auf dem Rückweg trage ich die Tüten den Berg hinauf und grüße Leute, deren Namen ich nicht kenne. Von allem, was ich über den Stadtteil gelesen habe, ist nur ein Teil geblieben. Eine Auswahl davon steht unter Was ich lese und behalte.
Neulich hat mich jemand gefragt, ob ich in Keesburg oder im Frauenland wohne. Ich habe beides gesagt und dazu erklärt, dass das eine den Bezirk meint und das andere den Hang. Die Antwort hat länger gedauert als die Frage, und das war in Ordnung.
