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    <title>Karriere und St. Alfons</title>
    <link>https://karriere-st-alfons.de/</link>
    <description>Christine Wefers schreibt über Beruf, Arbeitsalltag und ihre Beziehung zu St. Alfons in Würzburg.</description>
    <language>de-DE</language>
    <copyright>© Christine Wefers</copyright>
    <managingEditor>christine@karriere-st-alfons.de (Christine Wefers)</managingEditor>
    <webMaster>christine@karriere-st-alfons.de (Christine Wefers)</webMaster>
    <lastBuildDate>Mon, 12 Oct 2026 06:00:00 GMT</lastBuildDate>
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      <title>Pflegegrad: Wie wir Betreuung zu Hause gefunden haben</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/pflegegrad-betreuung-zu-hause/</link>
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      <pubDate>Mon, 12 Oct 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>alltag</category>
      <description>Nachdem unsere Mutter einen Pflegegrad erhielt, suchten wir Unterstützung zu Hause. Wir erzählen, wie wir Thalpos kennenlernten, selbst bezahlten und erst danach beschlossen, darüber zu schreiben.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Transparenz:</strong> Wir sind Kundinnen und Kunden von Thalpos und bezahlen die Betreuung unserer Mutter regulär selbst. Für diesen Beitrag gab es keine Vergütung, keinen Rabatt, keine Vermittlungsprämie, kein Geschenk und keine andere Gegenleistung. Wir suchten Betreuung für unsere Mutter, nicht Material für einen Artikel. Erst nachdem wir eigene Erfahrungen gesammelt und die Betreuung bezahlt hatten, entschieden wir uns, darüber zu schreiben. Es ist ein unabhängiger, selbst bezahlter Erfahrungsbericht nach dem Prinzip: erst erleben und bezahlen, dann darüber schreiben. Wir waren keine angekündigte Testfamilie und haben keinen Anbieter systematisch verglichen.</p>
<h2 id="was-der-pflegegrad-fuer-uns-bedeutete" class="anchor-heading">Was der Pflegegrad für uns bedeutete</h2>
<p>Als unsere Mutter einen Pflegegrad erhielt, begann für uns die nächste Frage: Welche Unterstützung passt zu ihrem Alltag und lässt sich zu Hause gut organisieren? Der Bescheid eröffnete Zugang zu bestimmten Leistungen. Er bestimmte aber keine Betreuungsform und bestellte keine Betreuungskraft. Diese Entscheidung mussten wir als Familie selbst treffen.</p>
<p>Im allgemeinen Verfahren stellt man den Antrag bei der Pflegekasse. Danach wird die Selbstständigkeit in mehreren Lebensbereichen begutachtet. Eine Diagnose allein entscheidet nicht über den Pflegegrad. Für die Begutachtung zählen unter anderem Mobilität, Selbstversorgung, der Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen und die Gestaltung des Alltags. Die Pflegekasse schickt anschließend den Bescheid. Das ist der sachliche Ablauf. Was er für eine Familie bedeutet, hängt davon ab, was im Alltag gebraucht wird.</p>
<p>Über private Gesundheitsdetails und die genaue Einstufung unserer Mutter schreibe ich hier nicht. Für unsere Entscheidung war wichtiger, wie wir Unterstützung finden und worauf wir bei der Betreuung achten wollten.</p>
<h2 id="warum-wir-nach-betreuung-zu-hause-suchten" class="anchor-heading">Warum wir nach Betreuung zu Hause suchten</h2>
<p>Wir prüften, welche Hilfe in der vertrauten Umgebung möglich wäre. Eine Betreuungskraft, die im Haushalt lebt, war eine Option, die wir näher ansehen wollten. Das bedeutete für uns nicht, dass damit jede Aufgabe erledigt oder jede andere Unterstützung unnötig würde. Es ging um eine konkrete Frage: Können wir eine Person finden, mit der unsere Mutter und die Familie sich wohlfühlen?</p>
<p>Der Ausdruck „24-Stunden-Betreuung“ kann dabei leicht das falsche Bild erzeugen. Er beschreibt eine Betreuungsform im häuslichen Umfeld. Er bedeutet nicht, dass eine einzelne Betreuungskraft rund um die Uhr arbeitet oder jederzeit verfügbar ist. Arbeitszeit, Bereitschaft, Pausen, Nachtruhe, freie Zeiten und Vertretung gehören klar besprochen. Betreuung im Alltag ist außerdem nicht automatisch medizinische Behandlungspflege. Welche Aufgaben eine Person übernehmen darf, hängt von Qualifikation, Vertrag und den konkreten Umständen ab.</p>
<h2 id="was-wir-mit-thalpos-erlebt-haben" class="anchor-heading">Was wir mit Thalpos erlebt haben</h2>
<p>Wir wohnen außerhalb des hauptsächlichen Einzugsgebiets von <a href="https://thalpos.de" class="link-external">Thalpos Pflegevermittlung</a>. Trotzdem kam Inhaber Sebastian Schugar persönlich zu uns. Er nahm sich Zeit für ein langes Gespräch mit der Familie und sprach auch mit unserer Mutter.</p>
<p>Meine Mutter fand ihn sympathisch. Sie sagte, dass er sich wirklich Zeit für sie genommen habe, um sie kennenzulernen und zu verstehen. Für sie war das etwas anderes, als wenn jemand nur einen Bedarf auf einem Formular abhakt. Dass sie sich in dem Gespräch als Person gesehen fühlte, war für uns ein wichtiger Teil der Entscheidung.</p>
<p>Auch das Team haben wir als sachkundig erlebt. Wenn bei uns Fragen auftauchten, empfanden wir die Rückmeldungen als schnell und ansprechbar. Das sind unsere Erfahrungen mit den Menschen, mit denen wir zu tun hatten. Sie sind keine unabhängige Prüfung sämtlicher Verträge oder möglicher Betreuungsverläufe.</p>
<p>Wir empfehlen Thalpos, weil unsere Mutter sich im Gespräch ernst genommen fühlte und wir die Zusammenarbeit als fachkundig und verlässlich erlebt haben. Diese Empfehlung ist persönlich. Andere Familien sollten ihre eigene Situation, die Betreuungskraft und die Vertragsbedingungen selbst prüfen.</p>
<h2 id="welche-pflegeleistungen-2026-dazu-gehoeren" class="anchor-heading">Welche Pflegeleistungen 2026 dazu gehören</h2>
<p>Ein Pflegegrad eröffnet Ansprüche, aber die Beträge sind an unterschiedliche Bedingungen geknüpft. Die folgende Übersicht zeigt die monatlichen Pflegegeld- und Sachleistungsbeträge für 2026. Sie ist keine Berechnung der Kosten unserer Familie.</p>
<div class="table-scroll" role="region" tabindex="0" aria-label="Tabelle, bei Bedarf horizontal scrollen">
<table>
<thead>
<tr>
<th>Pflegegrad</th>
<th style="text-align:right">Pflegegeld / Monat</th>
<th style="text-align:right">Pflegesachleistungen bis / Monat</th>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td>1</td>
<td style="text-align:right">–</td>
<td style="text-align:right">*</td>
</tr>
<tr>
<td>2</td>
<td style="text-align:right">347 €</td>
<td style="text-align:right">796 €</td>
</tr>
<tr>
<td>3</td>
<td style="text-align:right">599 €</td>
<td style="text-align:right">1.497 €</td>
</tr>
<tr>
<td>4</td>
<td style="text-align:right">800 €</td>
<td style="text-align:right">1.859 €</td>
</tr>
<tr>
<td>5</td>
<td style="text-align:right">990 €</td>
<td style="text-align:right">2.299 €</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</div>
<p>Quelle: Bundesministerium für Gesundheit, „Leistungsansprüche der Versicherten im Jahr 2026“, Stand 11. Dezember 2025. Bei Pflegegrad 1 können unter bestimmten Voraussetzungen Leistungen aus dem Entlastungsbetrag für passende Angebote eingesetzt werden.</p>
<p>Das Pflegegeld ist eine Geldleistung für die pflegebedürftige Person. Pflegesachleistungen sind an die gesetzlichen Voraussetzungen und geeignete Leistungserbringer gebunden. Zusätzlich gibt es einen Entlastungsbetrag von bis zu 131 Euro im Monat. Der gemeinsame Jahresbetrag von bis zu 3.539 Euro steht Menschen ab Pflegegrad 2 für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege zur Verfügung. Diese Beträge sind keine pauschale Finanzierung für jede Rechnung einer im Haushalt lebenden Betreuungskraft. Ob eine konkrete Leistung erstattungsfähig ist, sollte die Familie mit ihrer Pflegekasse oder einer unabhängigen Pflegeberatung klären.</p>
<p>Wir bezahlen die Betreuung unserer Mutter selbst. Den Betrag aus unserem Vertrag übertrage ich nicht auf andere Familien: Kosten und Leistungen hängen vom konkreten Angebot und der Vereinbarung ab. Vor einer Entscheidung würden wir schriftlich klären, wer Vertragspartner und Arbeitgeber ist, welche Aufgaben dazugehören, wie Arbeits- und Ruhezeiten geregelt sind, wer nachts erreichbar ist, wie Vertretung funktioniert und welche Fahrt- oder Zusatzkosten anfallen.</p>
<h2 id="sorgearbeit-beruf-und-alltag" class="anchor-heading">Sorgearbeit, Beruf und Alltag</h2>
<p>Pflege zu organisieren ist Teil des Alltags und berührt auch die Frage, wie Erwerbsarbeit und unbezahlte Sorgearbeit nebeneinander stehen. In <a href="/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/">Teilzeit in Deutschland</a> schreibe ich darüber, was eine Arbeitszeitstatistik sichtbar macht und was sie offenlässt. Über den Übergang zwischen Arbeit und Zuhause handelt <a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a>. Und <a href="/journal/beruflicher-wiedereinstieg/">Beruflich zurückkehren</a> beschreibt andere Fragen, die nach einer beruflichen Pause entstehen können. Diese Texte sind keine Pflegeberatung. Sie gehören zu den angrenzenden Themen, mit denen sich dieses Journal beschäftigt.</p>
<p>Auch die Umgebung, in der Menschen leben, gehört zum Alltag. In <a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg</a> beschreibe ich den Stadtteil, in dem ich lebe. <a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a> erzählt von den Wegen nach Hause. Und <a href="/journal/wem-gehoert-der-schatten/">Wem gehört der Schatten?</a> fragt, wie gut öffentliche Wege im Sommer nutzbar sind. Das sind keine Hinweise zur Auswahl eines Betreuungsdienstes, sondern weitere Blickwinkel auf Zuhause und den Alltag darum herum.</p>
<p>Für unsere Familie war entscheidend, dass unsere Mutter sich im Gespräch ernst genommen fühlte und dass wir mit dem Team gut sprechen konnten. Wir haben den Weg selbst bezahlt und erst danach über unsere Erfahrung geschrieben. So fällt unsere Empfehlung aus. Sie gilt für das, was wir erlebt haben, und soll anderen Familien einen persönlichen Anhaltspunkt geben, keine Entscheidung abnehmen.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Wem gehört der Schatten?</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/wem-gehoert-der-schatten/</link>
      <guid isPermaLink="true">https://karriere-st-alfons.de/journal/wem-gehoert-der-schatten/</guid>
      <pubDate>Sat, 10 Oct 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>alltag</category>
      <description>Würzburg fördert Begrünung bis auf den Balkon. Auf öffentlichen Wegen wird Schatten anders geplant. Was die Programme versprechen und wo ihre Grenzen liegen.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ein Balkon kann im Sommer zu einem kleinen Garten werden. Ein Weg zur Haltestelle bleibt trotzdem der Stadt überlassen. Dazwischen liegen Hausflure, Innenhöfe, Gehwege und Plätze, also genau die Orte, an denen sich entscheidet, ob Schatten ein privater Komfort ist oder zum Alltag aller gehört.</p>
<p>In Würzburg gibt es seit diesem Frühjahr ein Förderprogramm, das Begrünung bis an die Wohnung heran unterstützt. Daneben steht eine Klimaanpassungsstrategie mit Vorschlägen für öffentliche Orte. Beides klingt nach derselben Aufgabe. Es arbeitet aber in verschiedenen Maßstäben, mit verschiedenen Zuständigkeiten und mit unterschiedlicher Verbindlichkeit.</p>
<h2 id="ein-programm-bis-an-den-balkon" class="anchor-heading">Ein Programm bis an den Balkon</h2>
<p>„KlimaStadt Würzburg“ bündelt seit dem 25. April 2026 städtische Zuschüsse in einem Antrag. Von vierzehn Förderbausteinen richten sich neun auf Begrünung und Klimaanpassung, fünf auf Energie. Das jährliche Budget beträgt 190.000 Euro. Auch Mietende können einen Antrag stellen, sofern die Eigentümerin oder der Eigentümer zustimmt. Für Balkonbegrünung sind bis zu 1.000 Euro vorgesehen, höchstens die Hälfte der förderfähigen Kosten.</p>
<figure class="diagram"><svg viewBox="0 0 420 166" width="420" height="166" role="img" aria-labelledby="klimastadt-title klimastadt-desc"><title id="klimastadt-title">KlimaStadt Würzburg: neun von vierzehn Förderbausteinen für Begrünung und Klimaanpassung</title><desc id="klimastadt-desc">Das Förderprogramm 2026 hat vierzehn Bausteine. Neun betreffen Begrünung und Klimaanpassung, fünf Energie. Das Jahresbudget beträgt 190.000 Euro.</desc><text x="0" y="17" font-family="IBM Plex Mono, monospace" font-size="11" letter-spacing="1.1" fill="#5f6c65">FÖRDERBAUSTEINE · 2026</text><rect x="0" y="32" width="270" height="24" fill="#35675b" /><rect x="270" y="32" width="150" height="24" fill="#dce8e1" /><text x="135" y="48" text-anchor="middle" font-family="IBM Plex Mono, monospace" font-size="12" fill="#fcfcfa">9</text><text x="345" y="48" text-anchor="middle" font-family="IBM Plex Mono, monospace" font-size="12" fill="#23332c">5</text><line x1="0" y1="66" x2="420" y2="66" stroke="#dfe5e0" stroke-width="1" /><text x="0" y="88" font-family="IBM Plex Mono, monospace" font-size="12" fill="#23332c">9 Begrünung und Klimaanpassung</text><text x="0" y="110" font-family="IBM Plex Mono, monospace" font-size="12" fill="#23332c">5 Energie</text><line x1="0" y1="128" x2="420" y2="128" stroke="#dfe5e0" stroke-width="1" /><text x="0" y="150" font-family="IBM Plex Mono, monospace" font-size="12" fill="#5f6c65">JAHRESBUDGET: 190.000 EURO</text></svg><figcaption>Aufteilung des Würzburger Förderprogramms KlimaStadt 2026. Quelle: Stadt Würzburg, Pressemitteilung vom 23. April 2026. Die Grafik zeigt Förderbausteine, keine gemessene Kühlwirkung.</figcaption></figure>
<p>Die Balkonförderung meint mehr als ein paar Töpfe für den Sommer. Vorgesehen sind ortsfeste, winterfeste Pflanzgefäße mit mindestens 150 Litern Volumen, automatische Bewässerung und Gehölze oder mehrjährige winterharte Pflanzen. Die Maßnahme muss fünf Jahre erhalten und gepflegt werden. Außerdem gilt die städtische Klimafunktionskarte: Gefördert werden Flächen in ausgewiesenen Wärmebelastungs- und Übergangszonen.</p>
<p>Das ist nachvollziehbar. Ein Zuschuss soll etwas dauerhaft in Gang setzen, und eine städtische Karte lenkt begrenztes Geld dorthin, wo die Stadt Bedarf sieht. Zugleich zeigt sich an diesen Bedingungen, wie viel Verwaltung in einem Blumenkasten steckt. Erst die Zustimmung des Vermieters, dann die passende Zone, ein konkreter Antrag und schließlich die Umsetzung nach dem Bescheid. Eine einzelne Person kann den eigenen Balkon verändern. Sie kann die nächsten hundert Meter bis zur Haltestelle nicht mitbegrünen.</p>
<h2 id="der-balkon-endet-an-der-grundstuecksgrenze" class="anchor-heading">Der Balkon endet an der Grundstücksgrenze</h2>
<p>Die Grenze ist nicht bloß eine Frage der Zuständigkeit. Ein privater Hof kann begrünt werden, wenn Eigentümerinnen oder eine Gemeinschaft entscheiden. Auf einer Straße konkurriert ein Baumstandort mit Leitungen, Verkehr, Lieferzonen, Barrierefreiheit und unterirdischen Anlagen. Ein Platz gehört vielen, doch die Pflege und die Finanzierung müssen dauerhaft organisiert werden.</p>
<p>Die städtische Klimaanpassungsstrategie beschreibt für stark belastete und viel besuchte Orte begrünte Sitzelemente, Parklets und Pflanzgefäße mit Bäumen als mögliche Zwischenlösung. Stadtbäume passen laut Strategie an manchen Innenstadtstandorten wegen der Verhältnisse im Untergrund nicht ohne Weiteres in den Boden. Mobile Begrünung kann dort Schatten ergänzen. Ihre kühlende Wirkung bleibt örtlich begrenzt; dauerhaft gepflanzte Bäume und Begrünung gelten langfristig als bessere Lösung. Ein einzelnes Parklet ist daher kein Ersatz für eine durchgehende schattige Strecke.</p>
<div class="table-scroll" role="region" tabindex="0" aria-label="Tabelle, bei Bedarf horizontal scrollen">
<table>
<thead>
<tr>
<th>Ort</th>
<th>Was 2026 vorgesehen ist</th>
<th>Was die Maßnahme offenlässt</th>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td>Balkon</td>
<td>Bis zu 1.000 Euro Zuschuss, maximal 50 Prozent; auch für Mietende mit Zustimmung</td>
<td>Erreicht nur die eigene Wohneinheit und setzt Platz, Bewässerung und Pflege voraus</td>
</tr>
<tr>
<td>Gemeinschaftsfläche</td>
<td>Gemeinschaftsgärten bis zu 2.000 Euro, mit bis zu 90 Prozent Förderung</td>
<td>Braucht eine tragfähige Gruppe, passende Fläche und längerfristige Pflege</td>
</tr>
<tr>
<td>Öffentlicher Weg oder Platz</td>
<td>Die Strategie empfiehlt punktuell begrünte Sitzelemente, Parklets und Pflanzgefäße</td>
<td>Das ist eine Handlungsempfehlung, kein Nachweis einer fertigen Schattenroute</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</div>
<p>Bei Gemeinschaftsgärten ist der Eigenanteil kleiner, die soziale Hürde aber nicht automatisch. Jemand muss den Antrag tragen, die Fläche abstimmen, Wasser organisieren und im nächsten trockenen Sommer nachsehen, ob die Pflanzen noch leben. Ein öffentlicher Weg stellt eine andere Frage: Wer kann dort sitzen, wer kommt mit dem Rollator vorbei, und bleibt die Stelle auch dann nutzbar, wenn niemand etwas kauft?</p>
<h2 id="was-eine-zahl-ueber-hitze-erzaehlen-kann" class="anchor-heading">Was eine Zahl über Hitze erzählen kann</h2>
<p>Das Würzburger Klimadashboard zählt für die DWD-Station Keesburg 32 Hitzetage im Jahr 2022, 24 im Jahr 2023 und 16 im Jahr 2024. Als Hitzetag gilt dort ein Tag mit einer Höchsttemperatur von mindestens 30 Grad. Die drei Werte fallen. Daraus folgt kein Gegenbeweis zum längerfristigen Trend: Die Stadt zeigt eine starke jährliche Schwankung und insgesamt mehr Hitzetage seit 1950.</p>
<div class="table-scroll" role="region" tabindex="0" aria-label="Tabelle, bei Bedarf horizontal scrollen">
<table>
<thead>
<tr>
<th style="text-align:right">Jahr</th>
<th style="text-align:right">Hitzetage an der DWD-Station Würzburg/Keesburg</th>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td style="text-align:right">2022</td>
<td style="text-align:right">32</td>
</tr>
<tr>
<td style="text-align:right">2023</td>
<td style="text-align:right">24</td>
</tr>
<tr>
<td style="text-align:right">2024</td>
<td style="text-align:right">16</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</div>
<p>Die Station liegt außerhalb der Innenstadt. Ihre Werte zeigen den städtischen Wärmeinseleffekt dort nicht. Die Klimaanpassungsstrategie nennt für Messungen im Projekt „Klimaerlebnis Würzburg“ einen größten Unterschied von 8,2 Grad zwischen dicht bebauter Innenstadt und Randgebieten. Beobachtet wurde er besonders an Tagen mit mehr als 25 Grad Höchsttemperatur, mit dem stärksten Unterschied am Abend. Das ist ein gemessener Höchstwert aus einer bestimmten Untersuchung, keine Temperaturdifferenz, die immer oder an jeder Straße gilt.</p>
<p>Die Zahlen helfen, das Problem räumlich zu lesen. Sie sagen nicht, wie viel kühler ein konkreter Balkon ist oder auf welcher Straßenseite ein Mensch am Nachmittag Schatten findet. Dafür bräuchte es kleinräumige Messungen, eine Karte der tatsächlichen Wege und eine Frage, die in vielen Statistiken fehlt: Wer kann die Route überhaupt ändern?</p>
<h2 id="wer-bei-hitze-noch-unterwegs-ist" class="anchor-heading">Wer bei Hitze noch unterwegs ist</h2>
<p>Eine 2026 auf arXiv eingereichte Studie beobachtet, wie sich städtische Aktivität anhaltenden Hitzeperioden verändert. Die Forschenden werteten für zehn deutsche Städte über zwei Monate im Jahr 2024 mehr als hundert Millionen anonymisierte und aggregierte Telekommunikationsdatenpunkte aus. Sie legten die Aktivität auf Rasterfelder von etwa 100 mal 155 Metern und verglichen sie mit Wetterdaten und nahe gelegenen Einrichtungen.</p>
<p>Bei mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen mit einer Höchsttemperatur von 25 Grad oder mehr lag die stadtweite Aktivität im Mittel 1,5 Prozentpunkte unter dem erwarteten Wert. Freizeit- und Kulturorte gewannen relativ zu kühleren Tagen teils rund zehn Prozentpunkte; bei öffentlichen Diensten waren die Verschiebungen kleiner oder gingen in die andere Richtung. Das ist eine Beobachtung von Aufenthaltsmustern, keine Messung der Temperatur auf einem Gehweg und kein Nachweis, dass ein bestimmter Parklet Menschen vor Hitze schützt.</p>
<p>Die Arbeit ist ein Preprint. Sie untersucht zehn Städte, nicht Würzburg, und die Daten zeigen gezählte Aktivität in Zellen, keine einzelnen Menschen oder deren Gründe. Sie kann eine Planung ergänzen, aber keine Vor-Ort-Begehung ersetzen. Eine Schule, eine Arztpraxis oder eine Bushaltestelle lässt sich an heißen Tagen nicht einfach meiden. Dort wird Schatten zur Frage des Zugangs.</p>
<h2 id="ein-platz-der-keine-eintrittskarte-braucht" class="anchor-heading">Ein Platz, der keine Eintrittskarte braucht</h2>
<p>An einem heißen Nachmittag wirkt ein Baum zuerst wie etwas sehr Einfaches: eine dunkle Fläche auf dem Boden, unter der man langsamer geht. In der Verwaltung wird aus dieser Fläche ein Standort mit Kosten, Leitungen, Bewässerung, Pflege und Abstimmung. Beides stimmt. Ein öffentlicher Baum ist zugleich ein Stück Infrastruktur und ein Ort, an dem man für einige Minuten nichts kaufen muss.</p>
<p>Die Förderzahlen zeigen, dass die Stadt privaten und gemeinschaftlichen Flächen einen konkreten Einstieg anbietet. Die Strategie benennt auch den öffentlichen Raum, aber dort stehen bislang vor allem Empfehlungen und einzelne Prüfaufträge. Diese Unterscheidung sollte beim Lesen der Ankündigungen sichtbar bleiben: ein genehmigter Zuschuss ist noch kein Schatten, ein Konzept noch keine Bank unter einem Baum.</p>
<p>Vielleicht ist die brauchbare Frage deshalb nicht, wem ein Schatten gehört. Sondern wo er verlässlich auftaucht, wer ihn erreichen kann und wer für seine Pflege zuständig bleibt. Für einen künftigen Hitzetag wäre mir eine schlichte Antwort lieber als ein weiterer Wettbewerb um die schönste Begrünung: ein Weg zur Haltestelle, auf dem man auch am Abend noch stehen bleiben kann.</p>
<h2 id="quellen" class="anchor-heading">Quellen</h2>
<ul>
<li><a href="https://www.tagesschau.de/wissen/hitze-schutz-staedte-100.html" class="link-external">Deutsche Städte laut Umwelthilfe schlecht auf Hitze vorbereitet</a>, tagesschau.de, 9. Juni 2026. Bericht über den Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe und die Forderung nach mehr Stadtgrün und Schatten.</li>
<li>Stadt Würzburg: Pressemitteilung „Neues Förderprogramm KlimaStadt Würzburg“, 23. April 2026. Angaben zu Budget, Bausteinen, Förderberechtigten und Zuschüssen.</li>
<li>Stadt Würzburg: „Förderprogramm KlimaStadt Würzburg“, Förderrichtlinie und Baustein Balkonbegrünung, Stand April 2026. Förderbedingungen und Flächenvoraussetzungen.</li>
<li>Stadt Würzburg: „Klimaanpassungsstrategie für die Stadt Würzburg“, Gesamtbericht, beschlossen am 11. Dezember 2025. Wärmeinsel-Messung und Handlungsempfehlung zu begrünter Beschattung im öffentlichen Raum.</li>
<li>Stadt Würzburg: Klimadashboard, „Klimawandel in Würzburg“, DWD-Messstation Würzburg/Keesburg, Hitzetage 1950 bis 2024.</li>
<li>Dominique Geissler, Felix Creutzig, Ramit Debnath und Stefan Feuerriegel: „Hyperlocal monitoring of urban activity reveals responses to heat exposure“, arXiv:2607.07417, eingereicht am 8. Juli 2026. Preprint zu aggregierter Aktivität in zehn deutschen Städten.</li>
</ul>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Vierzehn Stationen an der Betonwand</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/vierzehn-stationen-betonwand/</link>
      <guid isPermaLink="true">https://karriere-st-alfons.de/journal/vierzehn-stationen-betonwand/</guid>
      <pubDate>Wed, 30 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>kirche</category>
      <description>An den Sichtbetonwänden von St. Alfons hängen die Holzschnitte von HAP Grieshaber. Vierzehn Stationen über Last, Holz und ein Wort, das schwerer wiegt als eine Einigung am Verhandlungstisch.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Tage, an denen der Kopf nach vielen Gesprächen voll ist mit Sätzen, die alle
vorsichtig klingen wollten. Wenn ich donnerstags das Büro verlasse und die Straßenbahn
nach oben nehme, brauche ich eine Weile, bis die Anspannung nachlässt. In
<a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a> habe ich beschrieben,
wie wichtig der Übergang zwischen der Arbeit in der Stadt und der Wohnung im Frauenland
für mich ist. Manchmal gehe ich nicht direkt nach Hause. Ich biege an der
Matthias-Ehrenfried-Straße ab und gehe in die Kirche.</p>
<p>Wer St. Alfons betritt, blickt fast unwillkürlich nach vorn. Das monumentale Altarbild von
Georg Meistermann beherrscht den Raum mit seinen leuchtenden Farben und einer Bildfläche,
die über zweihundert Quadratmeter misst. Ich habe mich in
<a href="/journal/st-alfons-nachkriegsmoderne/">St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne</a>
ausführlicher mit der Entstehung des Gebäudes beschäftigt. Heute aber suche ich nicht das
Große. Mein Blick bleibt an der linken Seitenwand hängen, wo in schlichten Rahmen eine
Reihe von Holzschnitten hängt.</p>
<h2 id="drucke-auf-rauem-grund" class="anchor-heading">Drucke auf rauem Grund</h2>
<p>Die vierzehn Stationen stammen von HAP Grieshaber. Es handelt sich um den Zyklus
„Kreuzweg der Versöhnung“, den der Künstler 1957 geschaffen hat. Die Drucke kamen nicht
gleich beim Bau in das Gebäude. Erst 1994, vierzig Jahre nach der Weihe durch Bischof
Julius Döpfner, kaufte die Gemeinde die Blätter für St. Alfons an. Wie das
<a href="https://www.hdbg.eu/kloester/kloester_detail.php?id=KS0398" class="link-external">Haus der Bayerischen Geschichte</a>
in seiner Dokumentation zur Geschichte des Klosters festhält, war die Niederlassung der
Redemptoristen auf dem Keesburger Neuberg eng mit der Seelsorge für die wachsende
Nachkriegssiedlung verbunden. Dass dieser Zyklus vier Jahrzehnte später hier einzog, war
eine bewusste Entscheidung für ein Werk, das keine gefällige Frömmigkeit zur Schau stellt.</p>
<p>Die Technik des Holzschnitts verlangt Widerstand. Grieshaber zeichnete nicht mit feiner
Feder auf glattem Karton; er schnitt mit Beitel und Messer in das Holz. Wo das Holz astig
oder spröde war, splittern die Kanten. Die Figuren auf den Drucken haben schwere, kantige
Körper, große Hände und Gesichter, die auf das Nötigste reduziert sind. Neben dem Druck
wirkt die Wand, an der sie hängen, fast wie eine Fortsetzung des Materials: Der Sichtbeton
von Architekt Hans Schädel trägt die horizontalen Rillen der hölzernen Schalungsbretter,
in die der flüssige Zement damals gegossen wurde. Man sieht das Holz im Negativ an der
Wand, und man sieht das bearbeitete Holz im Druck auf dem Blatt.</p>
<h2 id="was-versoehnung-aushalten-muss" class="anchor-heading">Was Versöhnung aushalten muss</h2>
<p>Grieshaber schuf diesen Zyklus 1957 unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verbrechen
und der Zerstörung des Krieges. Der Gedanke der Versöhnung war damals kein theoretischer
Begriff, sondern eine Frage des Weiterlebens zwischen Trümmern und unbegreiflicher Schuld.</p>
<p>In meinem Beruf als Personalreferentin begegnet mir das Wort Versöhnung selten; man nennt es
dort Konfliktbeilegung, Interessenausgleich oder Kompromissfindung. Wie ich in
<a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a> festgehalten habe, gehört
das Vermitteln bei Spannungen zu meinen alltäglichen Aufgaben. Oft geht es darum, Worte so
abzufedern, dass niemand das Gesicht verliert. Wir suchen nach Vereinbarungen, die tragfähig
erscheinen, und manchmal gelingt das auch. Aber ein geschlossener Vergleich ist noch keine
Versöhnung. Grieshabers Bilder zeigen, dass Ausgleich nicht durch das Glätten von Kanten
entsteht. Auf den Blättern wird geschlagen, gefallen, getragen und geschwiegen. Das Kreuz
ist kein zierliches Symbol, sondern ein massiver Holzbalken, der die Figuren niederdrückt.
Versöhnung bedeutet hier, die Schwere einer Tatsache auszuhalten, statt sie wegzumoderieren.</p>
<p>Für mich liegt darin ein Trost, der nichts mit einfacher Erbauung zu tun hat. Ich schätze an
diesem Raum, dass er Widersprüche stehen lässt. In
<a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">Meine Beziehung zu St. Alfons</a> habe ich notiert,
dass ich hier keine Rechenschaft schuldig bin. Ich muss keinen Beschluss formulieren und
keine Sitzung leiten. Die Härte dieser Holzschnitte verlangt keine Zustimmung; sie verlangt
nur Aufmerksamkeit.</p>
<h2 id="der-schritt-von-station-zu-station" class="anchor-heading">Der Schritt von Station zu Station</h2>
<p>Der Fußboden in St. Alfons ist nicht eben. Er steigt vom Eingang her sanft zur Altarinsel
hin an. Wer die Stationen abschreitet, bewegt sich langsam bergan. Es ist dieselbe Steigung,
die man auch draußen im Viertel spürt, wie ich es in
<a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a> beschrieben habe. An der Wand
kommt man an Stationen vorbei, die man aus der Überlieferung kennt: die Verurteilung, das
erste Fallen, die Begegnung mit der Mutter, das Tuch der Veronika, die Entblößung.</p>
<p>An der linken Wand begegnet man auch dem bronzenen Kruzifix von Julius Bausenwein aus dem
Jahr 1955. Es hängt dort mit derselben herben Zurückhaltung. Wer nachliest, wie die
Gartenstadt ab 1950 auf den früheren Feldern entstand, wie es in
<a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg: ein genauer Blick auf den Stadtbezirk</a>
dargelegt ist, versteht den Willen dieser Jahre: Man wollte nach den Zerstörungen der
Innenstadt sachliche, lichte Wohnungen bauen, und man schuf dazu eine Kirche, die nichts
vormacht.</p>
<p>Es gibt Kunstwerke, die man einmal betrachtet und dann abgehakt hat. Bücher, die man
wegstellt, oder Bilder, die man schnell versteht. Was ich an Büchern schätze, die bleiben,
habe ich in <a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a> notiert: Sie
geben ihre Antwort nicht beim ersten Durchblättern preis. Grieshabers Blätter gehören in
diese Kategorie. Man kann vor der zehnten oder zwölften Station stehen und einfach nur das
Zusammenspiel von schwarzer Druckfarbe und stumpfem Papier ansehen.</p>
<h2 id="zurueck-in-den-abend" class="anchor-heading">Zurück in den Abend</h2>
<p>Als ich die Kirche verlasse, fällt die schwere Bronzetür leise ins Schloss. Draußen steht
der knapp vierzig Meter hohe Campanile schlank im Spätnachmittagslicht. Um kurz vor sieben
ist der Vorplatz ruhig; nur die Blätter der Kastanienbäume rascheln im ersten Herbstwind.
Vom Neuberg aus blickt man hinab auf die Straßen, auf denen die Autos mit eingeschalteten
Scheinwerfern fahren.</p>
<p>Ich nehme den Weg nach oben zu unserer Wohnung. Die Stationen an der Wand haben mir keine
Ratschläge für den nächsten Arbeitstag gegeben, und das ist gut so. Sie haben mir lediglich
gezeigt, dass Widerstand zum Material gehört, ob man nun Holz bearbeitet, Gebäude errichtet
oder mit Menschen arbeitet.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Frauenland und Keesburg: ein genauer Blick auf den Stadtbezirk</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/frauenland-und-keesburg/</link>
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      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>alltag</category>
      <description>Zwei Namen für eine Gegend: Was der Stadtbezirk Frauenland umfasst, wo die Gartenstadt Keesburg darin beginnt und warum St. Alfons zu ihr gehört.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Wer in Würzburg eine Wohnung sucht, liest in der Anzeige vom Frauenland und hört beim Besichtigungstermin von Keesburg. Die beiden Namen gehören zur selben Gegend, meinen aber nicht dasselbe. Ich wohne seit 2009 hier und habe eine Weile gebraucht, bis ich den Unterschied sicher erklären konnte.</p>
<h2 id="zwei-namen-zwei-ebenen" class="anchor-heading">Zwei Namen, zwei Ebenen</h2>
<p>Frauenland ist ein Stadtbezirk im Osten Würzburgs. Das ist die Ebene, auf der die Stadt rechnet: Statistik, Grenzen, Zuständigkeiten. Keesburg ist Stadtteil Nummer 12 innerhalb dieses Bezirks und liegt an seinem südöstlichen Rand. Wer in der Keesburg wohnt, wohnt also im Frauenland. Umgekehrt gilt das nicht.</p>
<p>Der Bezirk ist groß und alles andere als einheitlich. Sein Kern liegt weiter nördlich um die Wittelsbacherstraße, im Nordosten reicht er an den Mönchberg. Östlich beginnt Gerbrunn, südöstlich Randersacker, südlich liegt jenseits des Mains Heidingsfeld, westlich Sanderau. Die Keesburg nimmt davon nur den Hang ein, der nach Südosten abfällt.</p>
<h2 id="von-einem-sommersitz-zur-gartenstadt" class="anchor-heading">Von einem Sommersitz zur Gartenstadt</h2>
<p>Der Name geht auf Joseph Georg Kees zurück, einen Maurermeister aus Gaubüttelbrunn, der 1811 und 1812 auf dem Neuberg einen Sommersitz errichtete. Um 1850 erscheint die Schreibweise „Kessburg“, 1867 auch „Käsburg“. Aus dem Sommersitz wurde ein Ausflugslokal, später ein Hofgut. 1896 kaufte die Stadt Würzburg das Gut für 71.879 Mark.</p>
<p>Ab 1927 wuchs um das Gut eine Siedlung. Der Kern entstand als Hindenburg-Siedlung aus einer Spendenaktion heraus. Am 15. September 1927 stellte die Stadt das Baugrundstück an der Ecke Sanderroth- und Damaschkestraße bereit, Ende April 1928 begannen die Bauarbeiten, im Dezember 1928 zogen die ersten Siedler ein. 1931 folgte die Hindenburg-Siedlung II an der Schanz- und der Bodelschwingstraße. Die GAGFAH baute zehn Mehrfamilienhäuser für städtische Angestellte.</p>
<p>Ende der 1920er Jahre entstanden an der Keesburgstraße und am Lerchenhain kubische Flachdachvillen der Neuen Sachlichkeit von Peter Feile mit Walter Loos. Zwischen den späteren Satteldächern wirken diese Häuser bis heute wie eine kurze Unterbrechung. Wer sie sehen will, muss zu Fuß gehen und die Straßenseite wechseln; diesen Weg habe ich in <a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a> beschrieben.</p>
<p>Das Gutshaus wurde im März 1945 zerstört und 1954/1955 abgerissen. Danach plante das Würzburger Bauamt unter Oberbaudirektor Anton Mokroß eine Gartenstadt für etwa 7.000 Menschen. Ab 1950 wurde gebaut, die letzte Erweiterung war 1976 abgeschlossen. Die Keesburg ist deshalb keine gewachsene Vorstadt, sondern ein Ort aus mehreren datierbaren Schüben.</p>
<p>Vieles davon weiß ich nicht aus Akten. Es kommt aus Gesprächen und aus Texten, die weitergegeben werden. Ein Beispiel ist <a href="https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/von-einem-echten-keesburger-art-7860136" class="link-external">ein Porträt eines Keesburger Heimatforschers in der Main-Post</a>. Das ist ein Zeitungsbeitrag und keine wissenschaftliche Arbeit. Ich verlinke ihn, weil dort eine lokale Stimme spricht, die Straßennamen, Gebäude und ältere Erzählungen zusammenbringt, und nicht, weil sich meine Angaben darauf stützen.</p>
<h2 id="wo-st-alfons-liegt" class="anchor-heading">Wo St. Alfons liegt</h2>
<p>Die katholische Pfarrkirche St. Alfons steht in der Matthias-Ehrenfried-Straße 2, auf dem Neuberg. Sie gehört zur Gartenstadt Keesburg, auch wenn sie an deren Rand steht und nicht in der Mitte. Für die Katholiken der jungen Siedlung wurde 1951 eine Kirchengemeinde gegründet, mit ihr eine Niederlassung der Redemptoristen. Deren Ordenspatron, Alfons Maria von Liguori, wurde Pfarrpatron. Im selben Jahr wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, dessen Ergebnisse die Kommission nicht überzeugten. Zusätzlich kamen zwei Entwürfe von Hans Schädel in die Diskussion. Sein letzter Entwurf wurde am 1. Juli 1953 genehmigt, am 2. August 1953 legte man den Grundstein, und am 7. November 1954 weihte Bischof Julius Döpfner die Kirche.</p>
<p>Der freistehende Campanile steht nördlich des Baus und ist knapp 40 Meter hoch. Wie die Kirche entstanden ist und wie ihr Raum sich zum Altar hin öffnet, steht in <a href="/journal/st-alfons-nachkriegsmoderne/">St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne</a>.</p>
<p>In derselben Straße steht die Wetterwarte des Deutschen Wetterdienstes, eingeweiht am 11. April 1981. Seit 2016 ist sie unbesetzt, die Daten laufen automatisch weiter. Zum Bezirk gehört außerdem die Volkssternwarte, am 6. Mai 1966 eingeweiht und seit 1985 von einem Trägerverein getragen. Keesburg ist also mehr als ein Wohnhang: ein Messfeld, auf dem seit Jahren niemand mehr Dienst tut, und ein Observatorium gleich in der Nähe.</p>
<h2 id="wie-ich-das-viertel-wahrnehme" class="anchor-heading">Wie ich das Viertel wahrnehme</h2>
<p>Aufgewachsen bin ich in Heidingsfeld, auf der anderen Mainseite. Das Frauenland war für mich lange die Gegend, in die man mit der Straßenbahn fuhr, wenn dort jemand wohnte. Seit 2009 wohne ich selbst hier, ein paar Minuten von St. Alfons entfernt. Vom Küchenfenster aus sehe ich den Turm, im Winter deutlicher als im Sommer, weil die Bäume dann leer sind.</p>
<p>Die Glocken höre ich werktags um sieben und um achtzehn Uhr, sonntags länger. Ich gehe nicht jedes Mal hin. Der Klang sagt mir trotzdem, wie spät es ist. Was dieser Ort für mich geworden ist, steht in <a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">Meine Beziehung zu St. Alfons</a>.</p>
<p>Mein Arbeitstag beginnt mit einem Fußweg zur Haltestelle und endet mit der Straßenbahn. Zurück geht es bergauf, und dieser Anstieg ist für mich die eigentliche Grenze zwischen Arbeit und Abend. Was danach kommt, habe ich in <a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a> aufgeschrieben.</p>
<p>Dass ich an vier Tagen arbeite und freitags frei habe, ist das Ergebnis eines Berufswegs mit Umwegen; <a href="/journal/mein-berufsweg/">was mein Berufsweg über mich erzählt</a>, habe ich an anderer Stelle festgehalten. Wenn ich im Büro eine Adresse angebe, schreibe ich Frauenland. Wenn ich zu Hause erzähle, wo ich war, sage ich Keesburg. Beides stimmt.</p>
<p>Am Samstag gehe ich zum Wochenmarkt, danach in die Bibliothek und zu einem Laden in der Hans-Löffler-Straße. Auf dem Rückweg trage ich die Tüten den Berg hinauf und grüße Leute, deren Namen ich nicht kenne. Von allem, was ich über den Stadtteil gelesen habe, ist nur ein Teil geblieben. Eine Auswahl davon steht unter <a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a>.</p>
<p>Neulich hat mich jemand gefragt, ob ich in Keesburg oder im Frauenland wohne. Ich habe beides gesagt und dazu erklärt, dass das eine den Bezirk meint und das andere den Hang. Die Antwort hat länger gedauert als die Frage, und das war in Ordnung.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/st-alfons-nachkriegsmoderne/</link>
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      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>kirche</category>
      <description>Hans Schädel entwarf sie, Bischof Julius Döpfner weihte sie 1954. Ein Blick auf Baukörper, Turm und das Bild von Georg Meistermann, an dem sich Mitte der fünfziger Jahre die Gemüter schieden.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Am Rand der Gartenstadt Keesburg steht ein Gebäude, das sich nicht verstecken will und trotzdem nichts vorführt. Von der Matthias-Ehrenfried-Straße aus sieht man zuerst eine helle, geschlossene Wand und daneben, frei stehend, einen Turm. Aus der Entfernung wirkt das nüchtern. Wer näher kommt, sieht, wie viele Flächen hier gegeneinander arbeiten.</p>
<p>Die Kirche gehört zur Pfarrei St. Alfons Maria Liguori und steht auf dem Neuberg. Wie der Stadtbezirk Frauenland und die Gartenstadt Keesburg zueinander liegen, habe ich in <a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg: ein genauer Blick auf den Stadtbezirk</a> aufgeschrieben. Für diesen Text zählt vor allem, dass hier in einer jungen Siedlung gebaut wurde und nicht in einem alten Ortskern.</p>
<h2 id="eine-gemeinde-vor-der-kirche" class="anchor-heading">Eine Gemeinde vor der Kirche</h2>
<p>1951 wurde für die Katholiken der neuen Siedlung eine Kirchengemeinde gegründet. Im selben Jahr entstand eine Niederlassung der Redemptoristen. Deren Ordenspatron, Alfons Maria von Liguori, wurde Pfarrpatron. Die Kirche ist Pfarrkirche, und sie war zugleich Klosterkirche der Redemptoristengemeinschaft.</p>
<p>Ebenfalls 1951 schrieb man einen Architekturwettbewerb aus. Die Ergebnisse überzeugten die Kommission nicht. Zusätzlich kamen zwei Entwürfe von Hans Schädel in die Diskussion, und Schädels letzter Entwurf wurde am 1. Juli 1953 genehmigt. Die Grundsteinlegung folgte am 2. August 1953, die Weihe durch Bischof Julius Döpfner am 7. November 1954.</p>
<p>Zwischen Grundstein und Weihe liegen fünfzehn Monate. Für einen Bau dieser Größe ist das knapp, und mehr als diese Rechnung kann ich dazu nicht beitragen.</p>
<h2 id="hans-schaedel-lange-im-dienst-der-stadt" class="anchor-heading">Hans Schädel, lange im Dienst der Stadt</h2>
<p>Schädel lebte von 1910 bis 1996. Er war lange bei der Stadt Würzburg tätig und wurde später Bauamtsleiter der Diözese. Was im Bistum in diesen Jahren an Kirchen gebaut wurde, hat er mitgeprägt. Mit Georg Meistermann war er befreundet, und ohne diese Freundschaft sähe die Altarwand heute anders aus.</p>
<h2 id="ein-betongeruest-aus-ansteigenden-koerpern" class="anchor-heading">Ein Betongerüst aus ansteigenden Körpern</h2>
<p>Der Bau ist ein Betonskelett aus einander durchdringenden, ansteigenden Körpern. Das Dach ist ein Pultdach, also eine einzige schräge Fläche und keine Firstlinie, die zwei Seiten trennt. Von außen ist die Konstruktion deutlicher zu sehen als von innen: Die Wandflächen bleiben geschlossen, und die Höhe sammelt sich an einer Stelle. Wer die Einordnung dieses Baus in die Kirchenarchitektur des 20. Jahrhunderts genauer verfolgen will, findet sie in der <a href="https://strasse-der-moderne.de/kirchen/wuerzburg-st-alfons/" class="link-external">fachlichen Darstellung von St. Alfons bei „Straße der Moderne“</a>.</p>
<p>Innen ist St. Alfons einschiffig. Der Raum folgt einem trapezförmigen Grundriss und steigt zum Altar hin an. Der Blick läuft mit dem Boden nach vorn und endet an der Altarwand. Diese Verbindung aus enger werdendem Grundriss und höher werdendem Boden erinnert an Otto Bartnings Gustav-Adolf-Kirche in Berlin. Die Berliner Kirche kenne ich nur von Abbildungen, den Vergleich kann ich also nicht selbst nachprüfen.</p>
<h2 id="der-turm-steht-noerdlich-und-nicht-am-haus" class="anchor-heading">Der Turm steht nördlich und nicht am Haus</h2>
<p>Der Campanile ist freistehend, steht nördlich der Kirche und ist knapp 40 Meter hoch. Quellen nennen 38 Meter, andere ungefähr 39. Gemessen habe ich nichts. Vom Küchenfenster aus ist der Turm ohnehin nur eine Silhouette, im Winter deutlich, im Sommer halb hinter den Blättern. Die Glocken höre ich werktags um sieben und um achtzehn Uhr, sonntags länger. Die Glocke um achtzehn Uhr fällt oft mit dem zusammen, was ich <a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">am Ende eines Arbeitstags</a> zusammenräume.</p>
<h2 id="die-westseite-ist-arm-an-schmuck" class="anchor-heading">Die Westseite ist arm an Schmuck</h2>
<p>An der Westseite liegen drei Bronzetüren. Vier pfeilerartige Mauerstücke flankieren sie paarweise, zwei auf der einen, zwei auf der anderen Seite. Dadurch sitzen die Türen gefasst in der Wand und nicht offen in einer Glasfront. Die Ostseite des Altarraums ragt dafür hoch auf. Das Gebäude hat keine zweite Schauseite; es hat einen Eingang und eine Höhe dahinter.</p>
<p>Samstags komme ich mit dem Marktkorb die Straße herauf. Von der Fassade sehe ich dann wenig, weil ich auf den Verkehr achte. Was hängen bleibt, sind die Schatten der vier Mauerstücke: morgens lang über die Wand, mittags schmal und fast verschwunden. Über die Jahre habe ich aufgehört, das für Zufall zu halten.</p>
<h2 id="zwanzig-meter-glas-und-ein-bild-von-zehn-mal-zwanzig-metern" class="anchor-heading">Zwanzig Meter Glas und ein Bild von zehn mal zwanzig Metern</h2>
<p>Der Chor wird durch Glaswände belichtet, die etwa 20 Meter hoch sind. Die Zahl stammt aus der Literatur, nicht aus meinem Notizbuch.</p>
<p>Georg Meistermann, 1911 bis 1990, schuf 1954 das Altarbild an der Altarwand. Es misst rund 10 mal 20 Meter, also etwa 200 Quadratmeter, und zeigt die Anbetung des Lammes und die himmlische Liturgie nach der Offenbarung des Johannes. Im unteren Teil steht der Erdball mit eucharistischen Motiven. Von Meistermann stammt auch der dreieckige Taufstein mit drei Vertiefungen an den Ecken.</p>
<p>Mitte der fünfziger Jahre erregte das Bild Anstoß. Es war von einem „Marsmenschengemälde“ die Rede und von „Schinken“. Ich gebe das wieder, weil es zur Geschichte dieses Bildes gehört. Ich selbst habe lange gebraucht, um die Wand ohne diese beiden Wörter im Kopf anzusehen.</p>
<p>Schädel schrieb am 30. Oktober 1954 in einem Brief an Meistermann: „Du wirst Dich freuen, Dein Bild steht wie eine kostbare glühende Vision im Raum und beherrscht denselben.“ Das war gut eine Woche vor der Weihe. Der Satz ist ein Zuspruch unter Freunden und zugleich eine Beschreibung dessen, was eine Wand in einem Raum anrichten kann.</p>
<h2 id="was-spaeter-in-den-raum-kam" class="anchor-heading">Was später in den Raum kam</h2>
<p>1963 wurde der Altarraum umgestaltet, seit 1977 steht der Hauptaltar auf einer Altarinsel. Von Julius Bausenwein stammt das Kruzifix an der linken Seitenwand, es entstand 1955. HAP Grieshaber schuf den „Kreuzweg der Versöhnung“, der seit 1994 in der Kirche zu sehen ist; genauer habe ich diese Drucke in <a href="/journal/vierzehn-stationen-betonwand/">Vierzehn Stationen an der Betonwand</a> betrachtet. Helmut Weber machte Volksaltar, Sedilien und Ambo in Bronze.</p>
<p>Zu den einzelnen Stücken kann ich wenig sagen. Ich sehe sie und erkenne, dass sie aus verschiedenen Händen kommen, aber ich weiß nicht, wer wann welche Entscheidung durchgesetzt hat. Diese Lücke kann ich nicht schließen, ohne etwas zu erfinden, und das will ich nicht.</p>
<h2 id="was-ich-sonst-dazu-notiert-habe" class="anchor-heading">Was ich sonst dazu notiert habe</h2>
<p>Wer den Weg selbst gehen will, findet ihn in <a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a>. Über meinen Zugang zu diesem Ort steht mehr in <a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">Meine Beziehung zu St. Alfons</a>. Von den Arbeitswochen, die meinen Tagen den Takt geben, handelt <a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a>, und was ich von dieser Lektüre tatsächlich behalte, steht in <a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a>.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Ein Weg durch Keesburg</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/ein-weg-durch-keesburg/</link>
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      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>alltag</category>
      <description>Elf Stufen, eine geflickte Mauer und ein Turm, der die Richtung angibt. Ein Weg, den ich seit fünfzehn Jahren gehe und erst jetzt richtig ansehe.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt zwei Wege von der Haltestelle zu unserer Wohnung. Der eine führt die Straße hinauf und
an einer Garage vorbei, er ist ungefähr dreihundert Meter kürzer. Der andere geht hinter den
Häusern eine flache Treppe hinauf, zwischen zwei Hecken hindurch, und dauert vier Minuten
länger. Ich nehme fast immer den zweiten, ohne dass ich das je entschieden hätte.</p>
<h2 id="elf-stufen" class="anchor-heading">Elf Stufen</h2>
<p>Die oberste Stufe sitzt tiefer als die anderen. Wer die Treppe nicht kennt, stolpert einmal,
und ich weiß das, weil ich selbst die Erste war, die es lernen musste.</p>
<p>Links steht eine Hecke, die zweimal im Jahr geschnitten wird und danach für ein paar Wochen
aussieht wie frisch rasiert. Rechts eine Mauer aus Sandstein, die zu einem Grundstück gehört,
dessen Haus man von hier aus nicht sieht. Auf halber Höhe ist die Mauer geflickt, mit Ziegeln
statt Sandstein und in einem Ton, den niemand abgestimmt hat. Die Flickstelle ist etwa so
groß wie ein Küchentisch. Ich sehe sie jedes Mal, und jedes Mal denke ich kurz, dass ich sie
anders gemacht hätte, ohne zu wissen, wie.</p>
<h2 id="haeuser-die-in-abschnitten-gebaut-wurden" class="anchor-heading">Häuser, die in Abschnitten gebaut wurden</h2>
<p>Oben steht man in einem Viertel, das nicht auf einmal entstanden ist. Die Reihenhäuser direkt
hinter der Treppe sind schmal, haben Satteldächer und kleine Fenster, wie sie in den
fünfziger Jahren üblich waren. Ein Stück weiter, an der Keesburgstraße, stehen Häuser aus den
späten zwanziger Jahren, flache Dächer, klare Kanten, keine Verzierung. Sie wirken, als wären
sie zwanzig Jahre zu früh gebaut und dann einfach stehen gelassen worden. Dass beide Sorten
hier zusammengehören, hat mir erst ein Buch erklärt, das ich nach einem Spaziergang
aufgeschlagen habe, statt es am Stück zu lesen:
<a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg</a> beschreibt genau diesen
Übergang, und seitdem sehe ich ihn.</p>
<p>Zwischen den Häusern liegen Gärten, die unterschiedlich ernst genommen werden. In einem
stehen drei Apfelbäume und ein Gewächshaus mit abblätternder Farbe. Zwei Häuser weiter gibt
es nur Kies und einen Strauch, der im Winter zusammengebunden wird. Der Kiesgarten ist
gepflegter und langweiliger. Ich habe mir angewöhnt, das nicht als Urteil zu denken, weil ich
nicht weiß, wer dort wohnt und warum.</p>
<h2 id="der-hang" class="anchor-heading">Der Hang</h2>
<p>Keesburg liegt höher als die Stadt, und der Weg nach Hause geht immer bergauf. Das ist im
Winter relevant. Von Dezember bis Februar ist die Treppe morgens manchmal vereist, und dann
gehe ich doch die Straße, an der Garage vorbei, und bin unzufrieden darüber, ohne dass es
einen Adressaten für die Unzufriedenheit gäbe.</p>
<p>Im Frühsommer riecht der Weg nach Holunder, und zwar so stark, dass ich stehen bleibe. Im
August ist alles staubig, und die Mauer speichert die Wärme und gibt sie abends wieder her,
sodass man neben ihr noch um zehn Uhr die Hand auflegen kann. Im Oktober liegt Laub auf den
Stufen, und die Stadt kommt mit einem Gerät, das die Blätter zur Seite bläst, woraufhin sie
zwei Tage später wieder auf den Stufen liegen. Der Vorgang wiederholt sich drei- oder viermal
und hat etwas von einem Gespräch, das nicht vorankommt.</p>
<h2 id="wer-einem-begegnet" class="anchor-heading">Wer einem begegnet</h2>
<p>Auf diesem Weg treffe ich im Durchschnitt eine Person. Meistens ist es eine Frau mit einem
kleinen weißen Hund, der an der Hecke stehen bleibt und nicht weitergeht, bis sie ihn
anspricht. Sie grüßt, ich grüße, wir haben in fünfzehn Jahren kein Wort mehr gewechselt.</p>
<p>Es gibt einen Mann, der seinen Rasen zu Zeiten mäht, zu denen andere Mittag essen. Einmal im
Jahr, im Juni, hängt an einem der Gartentore für zwei Wochen ein Zettel, auf dem eine
verlorene Katze gesucht wird. Ich habe die Katze nie gefunden, weder auf dem Zettel noch
daneben.</p>
<p>An der Ecke oben steht die Kirche. Nicht direkt am Weg, aber ihr Turm ist von der oberen
Stufe aus zwischen zwei Dächern zu sehen, und er ist das einzige, was mir auf diesem Weg
wirklich die Richtung angibt. Der Kirchturm ist knapp vierzig Meter hoch, steht frei neben
dem Kirchenbau, und ich habe mich lange gefragt, warum mir das auffällt. Es ist nicht die
Höhe. Es ist, dass er sich nicht an das Gebäude daneben lehnt. Wie das gemeint ist und was
für ein Bau das ist, steht in
<a href="/journal/st-alfons-nachkriegsmoderne/">St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne</a>, und
was der Ort für mich ist, steht in <a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">Meine Beziehung zu St. Alfons</a>.</p>
<h2 id="warum-ich-diesen-weg-gehe" class="anchor-heading">Warum ich diesen Weg gehe</h2>
<p>Eine Zeit lang habe ich den kürzeren Weg genommen, jeden Tag, und mich abends nicht daran
erinnert, wie ich nach Hause gekommen war. Das ist keine dramatische Beobachtung. Es ist nur
der Grund, warum ich heute den anderen nehme: Ich komme auf dem längeren Weg mit einem
anderen Kopf oben an.</p>
<p>Über Arbeit und über den Übergang in den Abend schreibe ich an anderer Stelle genauer, in
<a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a>. Wer wissen will, wie ich
überhaupt dazu gekommen bin, hier zu wohnen, findet das in
<a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a>. Für Menschen, die nach
einer Pause wieder anfangen und sich fragen, ob so ein Weg zurück bergauf oder bergab geht,
gibt es einen eigenen Text: <a href="/journal/beruflicher-wiedereinstieg/">Beruflich zurückkehren</a>.</p>
<p>Vorgestern hat jemand den Flick in der Mauer neu verfugt. Es ist jetzt ordentlicher und
fällt mehr auf als vorher.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Was mein Berufsweg über mich erzählt</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/mein-berufsweg/</link>
      <guid isPermaLink="true">https://karriere-st-alfons.de/journal/mein-berufsweg/</guid>
      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>beruf</category>
      <description>Zwanzig Jahre Personalarbeit, eine Führungsrolle, die ich wieder abgegeben habe, und eine Stundenzahl, die lange gebraucht hat. Keine Erfolgsgeschichte.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ein Lebenslauf ist eine Liste von Positionen mit Jahreszahlen davor. Er sagt nichts über die
Tage, an denen man sich morgens gefragt hat, ob man das Richtige tut, und nichts über die
Tage, an denen man es wusste und trotzdem nicht wollte. Wenn ich auf meinen eigenen zurücksehe,
sehe ich vor allem eins: Ich habe lange gebraucht, um zu merken, was ich gut kann und was ich
nur gut aussehen lassen konnte.</p>
<h2 id="angefangen-habe-ich-mit-formularen" class="anchor-heading">Angefangen habe ich mit Formularen</h2>
<p>Nach dem Studium bin ich bei einem mittelständischen Maschinenbauer im Landkreis gelandet,
Personalreferentin, zweihundert Beschäftigte, eine Abteilungsleitung und ich. Die ersten zwei
Jahre habe ich Verträge geschrieben, Zeugnisse vorbereitet und Bewerbungen gesichtet. Ich
fand das nicht langweilig. Ich fand es beruhigend, dass es für fast jede Frage eine Vorlage
gab.</p>
<p>Im dritten Jahr habe ich angefangen, Fragen zu stellen, auf die die Vorlage keine Antwort
hatte. Warum die Fluktuation in der Montage doppelt so hoch war wie in der Arbeitsvorbereitung.
Warum eine Abteilung seit Jahren Überstunden aufbaute und gleichzeitig über zu wenig Personal
klagte. Mein damaliger Chef hat mir das eine Weile durchgehen lassen, was ich ihm bis heute
anrechne.</p>
<p>2010 musste ich zum ersten Mal selbst eine Kündigung aussprechen. Es ging um eine Stelle, die
betriebsbedingt wegfiel, und um einen Mann, der seit neunzehn Jahren dort war. Ich habe die
Woche vorher schlecht geschlafen und die Nacht danach gar nicht. Was mir damals niemand
gesagt hat und was ich heute jedem sage, der es hören will: Es wird nicht leichter. Es wird
nur schneller.</p>
<h2 id="was-ich-in-der-klinik-gelernt-habe" class="anchor-heading">Was ich in der Klinik gelernt habe</h2>
<p>2012 bin ich zu einem Klinikverbund in Unterfranken gewechselt, Personalentwicklung. Es war
die beste Entscheidung dieser Jahre und die anstrengendste. Zum ersten Mal habe ich mit
Menschen zu tun gehabt, deren Arbeit ich nicht im Ansatz selbst machen könnte. Pflegekräfte
im Nachtdienst, OP-Assistenz, Haustechnik.</p>
<p>Drei Jahre davon habe ich an einem Projekt zur Neuordnung der Arbeitszeit gearbeitet. Der
Betriebsrat war von Anfang an dabei, und zwar nicht als Bremse. Ich habe dort etwas gelernt,
was in keinem Studium vorkommt: Wer einen Dienstplan ändert, ändert das Leben von Menschen,
die ihre Kinder oder ihre Eltern versorgen. Man kann eine Regelung noch so sauber
aufschreiben, sie wird an einem Donnerstag im Februar scheitern, wenn eine Kollegin krank
wird. Was ich über Arbeitszeit wirklich weiß, habe ich dort gelernt, und es erklärt, warum
ich Zahlen wie die <a href="/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/">Teilzeitquote</a> misstrauisch lese,
obwohl sie stimmen.</p>
<h2 id="die-rolle-die-ich-wollte" class="anchor-heading">Die Rolle, die ich wollte</h2>
<p>2017 habe ich die Leitung der Personalentwicklung bei einem Bildungsdienstleister in Würzburg
übernommen, zwölf Mitarbeitende, zum ersten Mal Personalverantwortung. Ich hatte mir das
lange gewünscht und war sicher, dass ich es kann.</p>
<p>Zwei Jahre lang ging es gut. Ich habe Dinge aufgebaut, auf die ich stolz bin, und ich habe
Sitzungen geleitet, nach denen Leute zu mir gekommen sind, um sich zu bedanken. Im dritten
Jahr ging es nicht mehr. Ich habe angefangen, sonntags um vier wach zu liegen und im Kopf
Stellenpläne durchzurechnen, und ich habe es geschafft, das bis zum Herbst vor allen zu
verbergen. Wer es gesehen hat, war meine Hausärztin.</p>
<p>Ich habe vier Monate ausgesetzt. Was in dieser Zeit passiert ist, gehört nicht ins Netz,
jedenfalls nicht in allen Einzelheiten. So viel: Ich habe in der ersten Woche gedacht, ich
hätte versagt, und irgendwann in der sechsten gedacht, ich hätte einfach nur lange genug
nicht hingesehen.</p>
<h2 id="der-rueckweg" class="anchor-heading">Der Rückweg</h2>
<p>2020 bin ich zurückgegangen, in eine Fachrolle, ohne Personalverantwortung, mit dreißig
Stunden. Das hat länger gedauert, als ich hier schreiben kann: Es gab Gespräche, in denen ich
mich erklären musste, und welche, in denen ich es nicht getan habe. Ein Kollege hat mich
gefragt, ob ich das wirklich will, und ich habe geantwortet, dass ich es nicht weiß und dass
ich es trotzdem mache.</p>
<p>Ein Führungszeugnis, das man freiwillig abgibt, liest sich in meiner Branche erst nach zwei
Jahren anders. Ich habe Nachfragen bekommen, warum ich denn nicht mehr wolle, und ich habe
aufgehört, darauf ausführlich zu antworten. Über den Fall, dass jemand mit reduzierter
Stundenzahl wiederkommt, habe ich später noch geschrieben, in
<a href="/journal/beruflicher-wiedereinstieg/">Beruflich zurückkehren</a>. Und über die Frage, warum
kurze Wochen nicht automatisch bessere Arbeit bedeuten, in
<a href="/journal/vier-tage-woche-janus/">Vier Tage bei Janus</a>. Mein Betrieb ist nicht Janus. Es gibt
Unterschiede, und der wichtigste ist, dass wir keinen Versuch gemacht haben, sondern eine
Regelung gefunden.</p>
<p>Seit 2022 arbeite ich 28 Stunden an vier Tagen. Montag bis Donnerstag, Freitag frei. Der
Freitag ist voller Dinge, die ich mir vorgenommen habe; er ist auch der Tag, an dem ich
meistens in die Kirche gehe, weil sie dann leer ist. Der Zusammenhang zwischen beidem ist
mir erst später aufgefallen, und ich lasse ihn so stehen. Wie ich zu diesem Ort gekommen bin,
steht in <a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">Meine Beziehung zu St. Alfons</a>; was ich
über Arbeit lese, in <a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a>.</p>
<p>Wie sich Sorgearbeit in einer Familie konkret anfühlt, ist eine andere Frage als die nach dem Lebenslauf. Unsere Erfahrung mit der Betreuung meiner Mutter zu Hause steht in <a href="/journal/pflegegrad-betreuung-zu-hause/">einem eigenen Bericht</a>.</p>
<h2 id="was-der-lebenslauf-nicht-sagt" class="anchor-heading">Was der Lebenslauf nicht sagt</h2>
<p>Er sagt nicht, dass ich 2011 eine Bewerbung geschrieben und nie abgeschickt habe. Er sagt
nicht, dass ich zwei Jahre in einem Büro gesessen habe, in dem die Fenster nicht zu öffnen
waren. Er sagt nicht, dass mein Mann Lehrer ist und dass wir in dem Jahr, in dem ich vier
Monate zu Hause war, zum ersten Mal darüber gesprochen haben, wer wann zurücksteckt.</p>
<p>Von außen betrachtet ist aus mir etwas geworden, das in Stellenanzeigen „erfahrene
Generalistin mit Führungserfahrung“ heißt. Das stimmt. Es stimmt nur in einer Sprache, die
nicht meine ist, und deshalb schreibe ich hier die andere dazu.</p>
<p>Was vom Ende eines Arbeitstags übrig bleibt und was nicht, habe ich in
<a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a> aufgeschrieben. Wer den
Stadtteil genauer kennenlernen will, in dem ich das alles mache, findet ihn in
<a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a> und in
<a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg</a>.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Teilzeit in Deutschland: Was die Zahl zeigt und was nicht</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/</link>
      <guid isPermaLink="true">https://karriere-st-alfons.de/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/</guid>
      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>beruf</category>
      <description>48,7 % der erwerbstätigen Frauen und 12,2 % der Männer arbeiten 2025 in Teilzeit. Die amtliche Zahl ist eindeutig, ihre Bedeutung ist es nicht.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Die Tabelle beim Statistischen Bundesamt heißt „Teilzeitquote nach Geschlecht in der Altersgruppe 15 bis unter 65 Jahren“. Ihr Datenstand ist der 13. April 2026, ihre Grundlage der Mikrozensus. Für 2025, das Erstergebnis des Mikrozensus, nennt sie 48,7 % bei den Frauen, 12,2 % bei den Männern und 29,5 % insgesamt. Die <a href="https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Gleichstellungsindikatoren/tab-Teilzeitquote-nach-geschlecht-f25.html" class="link-external">amtliche Tabelle zur Teilzeitquote nach Geschlecht</a> führt auch die Vorwerte: 2024 lauten sie 48,4 %, 11,7 % und 29,0 %, für 2011 stehen dort 45,4 %, 8,9 % und 25,9 %.</p>
<p>Ich schreibe diese Zahlen hin, weil sie in Gesprächen über Arbeit regelmäßig auftauchen und dabei mehr bedeuten sollen, als sie können. Was in der Zeile steht und was ich beim Lesen daraus mache, sind zwei verschiedene Dinge.</p>
<h2 id="wie-die-quote-gerechnet-wird" class="anchor-heading">Wie die Quote gerechnet wird</h2>
<p>Die Quote ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen Erwerbstätigen dieser Altersgruppe. Wer erwerbstätig ist und weniger arbeitet als die übliche Vollzeit, geht in die Rechnung ein. Das ist die ganze Definition, und sie ist ordentlich gemacht.</p>
<p>Ein Hinweis gehört daneben, weil er in vielen Wiedergaben fehlt: Seit 2020 ist die Vergleichbarkeit eingeschränkt, denn der Mikrozensus wurde neu geregelt. Die Reihe von 2011 bis heute ist deshalb keine durchgehende Linie, auch wenn sie in der Tabelle wie eine aussieht. Wer aus 29,0 und 29,5 einen Trend macht, sollte das wissen.</p>
<h2 id="was-die-zahl-offenlaesst" class="anchor-heading">Was die Zahl offenlässt</h2>
<p>Zwischen 15 Stunden in der Woche und 30 Stunden liegt für die Quote kein Unterschied. Beides heißt Teilzeit, beides fällt in dieselbe Zahl. Wer erfahren möchte, wie viel in diesem Land tatsächlich gearbeitet wird, bekommt hier keine Auskunft.</p>
<p>Über das Geld sagt sie ebenso wenig. Ein Verdienst steht nicht in der Tabelle, kein Stundenlohn, kein Jahresbetrag. Auch die Qualifikation kommt nicht vor. Und ob jemand so arbeitet, weil es zum Leben passt, oder so arbeitet, weil sich keine andere Stelle gefunden hat, lässt sich aus 48,7 % nicht herauslesen.</p>
<p>Über die unbezahlte Arbeit sagt die Zahl nichts. Wer kocht, wer die Post öffnet, wer mittags ans Telefon geht, wenn die Schule oder das Pflegeheim anruft. Das kommt in der Erhebung nicht vor. Es fällt damit nicht weg, es ist nur nicht Teil der Frage.</p>
<p>In meiner Familie ist die Frage inzwischen konkret geworden. Wie wir nach dem Pflegegrad meiner Mutter Betreuung zu Hause organisiert haben, erzähle ich in einem <a href="/journal/pflegegrad-betreuung-zu-hause/">persönlichen Erfahrungsbericht</a>. Er ergänzt die Statistik um eine Familiengeschichte, ersetzt aber keine allgemeine Aussage über Sorgearbeit.</p>
<p>Und über den weiteren Verlauf sagt sie nichts. Eine Teilzeitphase kann zwei Jahre dauern oder fünfzehn. Ob danach eine Leitungsrolle kommt, eine andere Aufgabe oder keins von beidem, ist der Quote nicht zu entnehmen.</p>
<h2 id="wo-die-quelle-endet-und-meine-lesart-beginnt" class="anchor-heading">Wo die Quelle endet und meine Lesart beginnt</h2>
<p>Die Quelle stellt Zahlen bereit und sonst nichts. Sie nennt keine Ursache, sie bewertet niemanden, sie kennt keine Einzelfälle. Alles, was ich daran anschließe, ist meine Lesart und nicht der Befund des Statistischen Bundesamtes. Der Unterschied ist mir wichtig, weil er in fast jeder Diskussion über Arbeitszeit verschwindet, sobald jemand eine Schlussfolgerung zieht.</p>
<p>Ein Anstieg um einen halben Prozentpunkt kann viel erzählen. Er kann aber auch daher rühren, dass sich die Erhebung anders zusammensetzt als im Jahr davor. Ich weiß es nicht, und die Tabelle weiß es auch nicht. Das ist keine Schwäche der Statistik. Es ist die Grenze dessen, wofür sie gebaut wurde.</p>
<h2 id="meine-28-stunden-an-vier-tagen" class="anchor-heading">Meine 28 Stunden an vier Tagen</h2>
<p>Seit 2022 arbeite ich 28 Stunden, verteilt auf Montag bis Donnerstag. Der Freitag ist frei. Die halbe Woche bin ich im Büro in der Stadt, die halbe Woche zu Hause. Vorher waren es 30 Stunden in einer Fachrolle, davor eine Leitungsrolle mit zwölf Mitarbeitenden und eine Erschöpfungsphase, nach der ich vier Monate ausgesetzt habe. Die Stationen bis dahin stehen in <a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a>.</p>
<p>Was eine kürzere Woche mit einer Laufbahn macht, sehe ich an meiner eigenen. Manche Aufgaben hängen an Anwesenheit: eine Runde am Freitag, ein Gespräch, das sich über drei Nachmittage zieht, die Bereitschaft, kurzfristig einzuspringen. Wer an vier Tagen da ist, wird seltener gefragt. Ich bin mir nicht immer sicher, ob das eine Beobachtung ist oder eine Erzählung, die mir ganz gut passt.</p>
<p>Im Haushalt hat sich die Verteilung verschoben, ohne dass sie fertig wäre. Am Freitag erledige ich, was unter der Woche liegen bleibt, und mancher Freitag ist voller als ein Bürotag. Mein Mann unterrichtet an einer Berufsschule und ist früher zu Hause als ich. Wer wann einkauft, hat sich eingespielt, geklärt ist es nicht.</p>
<p>Der Heimweg führt bergauf. Auf <a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">einem Weg durch Keesburg</a> ordnet sich manches, ohne dass ich es mir vornehme. Der Übergang in den Abend ist ohnehin keine klare Linie, das habe ich in <a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a> aufgeschrieben.</p>
<h2 id="ein-betrieb-ist-keine-person" class="anchor-heading">Ein Betrieb ist keine Person</h2>
<p>Wer seine eigenen Stunden kürzt und wer die Wochenstunden für eine ganze Belegschaft senkt, sind zwei verschiedene Vorgänge. Bei Janus Team wurden 40 Stunden auf 36 gesenkt, bei gleichbleibendem Gehalt und verteilt auf vier Tage. <a href="/journal/vier-tage-woche-janus/">Dieses Unternehmensbeispiel</a> ist eine Selbstauskunft der Firma, keine unabhängige Untersuchung. Ich lese es als einzelnen Fall und nicht als Beleg für ein Modell.</p>
<p>Wer nach einer Pause zurückkehrt, hat wieder andere Fragen. Die <a href="/journal/beruflicher-wiedereinstieg/">Wege, die die Bundesagentur für Arbeit für den Wiedereinstieg nennt</a>, sind nach Voraussetzungen geordnet und nicht nach Wünschen. Das ist der nüchterne Teil des Themas, und ich mag ihn.</p>
<h2 id="zum-weiterlesen" class="anchor-heading">Zum Weiterlesen</h2>
<p>Zahlen dieser Art begegnen mir selten zum ersten Mal in einer Pressemitteilung. Meistens stoße ich irgendwo auf einen Satz, lege ihn weg und finde ihn später wieder. Was dabei hängen bleibt, sammle ich in <a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a>.</p>
<p>Und dann der Freitag. Das Notizbuch mit festem Einband liegt aufgeschlagen auf dem Küchentisch, bei einer Seite vom Donnerstag. Ob 28 Stunden für mich die richtige Zahl sind oder nur die, die gerade passt, steht dort nicht. Ich weiß es auch nicht.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Beruflich zurückkehren: mögliche Wege nach einer Pause</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/beruflicher-wiedereinstieg/</link>
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      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>beruf</category>
      <description>Die Bundesagentur für Arbeit nennt vier Wege zurück in den Beruf. Was im einzelnen Fall den Ausschlag gibt, steht dort nicht.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt eine offizielle Antwort darauf, wie jemand nach einer Pause zurück in die Arbeit kommt, und es gibt die Fälle, die ich aus Gesprächen kenne. Die offizielle Antwort ist kurz und passt auf eine Bildschirmseite. Die Fälle sind langsam, widersprüchlich und selten abgeschlossen, wenn ich sie zum ersten Mal höre.</p>
<h2 id="vier-wege-zurueck-in-die-arbeit" class="anchor-heading">Vier Wege zurück in die Arbeit</h2>
<p>Die Bundesagentur für Arbeit hat auf ihrer Seite <a href="https://www.arbeitsagentur.de/karriere-und-weiterbildung/beruflich-wieder-einsteigen/wiedereinstiegswege" class="link-external">Wege zum Wiedereinstieg nach einer beruflichen Pause</a> vier Möglichkeiten zusammengestellt. Ich gebe sie so wieder, wie sie dort stehen. Die Einschätzung, was davon im einzelnen Fall trägt, ist meine, nicht ihre.</p>
<p>Der erste Weg ist die Rückkehr in den bisherigen Beruf. Die Seite empfiehlt, das schon vor der Pause mit dem Betrieb zu besprechen, und nennt Teilzeit oder Arbeit von zu Hause als Formen, in denen die Rückkehr aussehen kann. Den Vorteil, den sie dabei anführt: Wer das vorher geklärt hat, muss danach nicht bei null anfangen.</p>
<p>Der zweite Weg ist Weiterbildung. Gemeint ist auch betriebliche Weiterbildung, die während einer Auszeit läuft und nicht erst danach beginnt. Was in welchem Umfang möglich ist, steht nicht allgemein fest, sondern hängt vom Betrieb und von der Person ab. Der dritte Weg ist eine Ausbildung, wenn sich jemand neu orientieren will; laut dieser Übersicht ist sie in Vollzeit oder in Teilzeit möglich. Der vierte Weg ist die Selbstständigkeit. Die Seite nennt sie als Alternative und weist darauf hin, dass dafür kaufmännisches Wissen nötig ist.</p>
<p>Besonders betont die Übersicht zwei Punkte: frühzeitig planen, und den Weg nach den eigenen Voraussetzungen wählen. Beides klingt selbstverständlich. In der Praxis sind es die zwei Stellen, an denen es am häufigsten hakt, weil beides Zeit braucht und niemandem gehört.</p>
<p>Wichtig ist, was dort nicht steht. Die Seite beschreibt Möglichkeiten, keine Ansprüche. Aus einer Weiterbildung folgt keine Stelle, und aus einer Pause folgt kein Anrecht auf den alten Arbeitsplatz zu den alten Bedingungen. Ob etwas trägt, lässt sich nur im Einzelfall klären, mit dem Betrieb und mit den Stellen, die für die jeweilige Frage zuständig sind.</p>
<p>Auch familiäre Sorgearbeit kann die Frage nach Zeit und Unterstützung verändern. Eine persönliche Geschichte dazu steht in <a href="/journal/pflegegrad-betreuung-zu-hause/">unserem Bericht über die Betreuung unserer Mutter zu Hause</a>. Sie beschreibt eine einzelne Familie und keinen beruflichen Wiedereinstiegsweg.</p>
<h2 id="was-ich-in-gespraechen-gesehen-habe" class="anchor-heading">Was ich in Gesprächen gesehen habe</h2>
<p>Ich arbeite in der Personal- und Organisationsentwicklung und habe Rückkehrende begleitet, nach Elternzeit und nach längeren Abwesenheiten. Betriebe nenne ich nicht; die Muster wiederholen sich ohnehin.</p>
<p>Der erste Arbeitstag wird gern auf einen Montag gelegt, weil das ordentlich aussieht. Ob ein Donnerstag besser läge, prüft selten jemand. Wie lang der Arbeitsweg mit dem Umsteigen wirklich dauert, wird nach Gefühl geschätzt und nicht nachgerechnet. Die Weiterbildung fällt auf einen Freitag, an dem zu Hause niemand einspringen kann. Nach zwei Jahren sitzen im Team andere Leute. Die Fälle, in denen es nach drei Wochen stockte, hatten fast immer eine dieser Stellen offen gelassen.</p>
<p>Teilzeit ist für viele der Weg zurück, und sie ist selten eine reine Rechenaufgabe. Was eine Teilzeitquote über den einzelnen Fall aussagt, habe ich in <a href="/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/">Teilzeit in Deutschland: Was die Zahl zeigt und was nicht</a> aufgeschrieben: sehr wenig. Auch die Arbeitszeit selbst lässt sich umbauen, aber nicht überall gleich. Ein Betrieb kann seine Woche verändern, wie das <a href="/journal/vier-tage-woche-janus/">Beispiel einer Vier-Tage-Woche bei Janus Team</a> zeigt. Das ist die Selbstauskunft eines einzelnen Unternehmens, kein Modell für alle.</p>
<p>Die eigenen Stationen wirken nach, auch bei mir. Ich war 2019 vier Monate draußen und bin 2020 mit dreißig Stunden in eine Fachrolle zurückgekommen. Was dieser Weg über mich erzählt, steht in <a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a>.</p>
<h2 id="ein-anfang-der-nach-wenig-aussieht" class="anchor-heading">Ein Anfang, der nach wenig aussieht</h2>
<p>Von außen sehen die ersten Schritte unspektakulär aus. Ein Vormittag pro Woche im alten Team. Ein Anruf bei der früheren Vorgesetzten, drei Minuten, in denen man sich nur nach dem Stand erkundigt. Zwei Stunden Hospitation. Ein Tag Probearbeiten. Für viele heißt das schlicht „wieder reinkommen“. Nichts davon taugt für einen Lebenslauf, und trotzdem bewegt es mehr als ein Plan, der ein halbes Jahr in der Schublade liegt.</p>
<p>Schwierig ist weniger der erste Tag als sein Ende. Ich habe über diesen Übergang in <a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a> geschrieben; nach einer Pause fällt er schwerer, weil die Routine fehlt, auf die man sonst zurückfällt. Der Heimweg führt bergauf, und bergauf sortieren sich solche Fragen besser als am Schreibtisch. Über diesen Weg habe ich in <a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a> geschrieben.</p>
<p>Fachtexte zum Wiedereinstieg lese ich selten. Über Arbeit überhaupt lese ich mehr, und ein Teil davon bleibt hängen; was das ist, steht in <a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a>. Eine Schrittliste findet man dort nicht, und hier auch nicht.</p>
<h2 id="was-naechste-woche-auf-dem-zettel-steht" class="anchor-heading">Was nächste Woche auf dem Zettel steht</h2>
<p>In meinem Notizbuch, DIN A5, steht seit gestern ein Name mit einem Datum daneben. Eine Frau, die zwei Vormittage anfangen möchte und nicht weiß, ob sie das so anbieten kann. Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur, dass ich am Montag anrufe und die Frage stelle. Was daraus wird, kommt auf den nächsten Zettel.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Vier Tage bei Janus: ein einzelnes Unternehmensbeispiel</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/vier-tage-woche-janus/</link>
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      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>beruf</category>
      <description>Ein Unternehmen verteilt nach eigenem Bericht 36 Stunden auf vier Tage. Was dieser eine Fall zeigt und wo die Selbstauskunft endet.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Seit Januar 2023 hat ein Unternehmen ein Jahr lang die Woche um einen Tag gekürzt. Martina Goldhorn hat am 10. Dezember 2023 aufgeschrieben, wie dieses Jahr verlaufen ist. Ihr Text steht bis heute auf der Website von Janus Team und ist die einzige Quelle, die ich zu diesem Fall habe: <a href="https://www.janusteam.de/de/ueber-uns/aktuell/experiment-4-tage-woche-bei-janus/" class="link-external">der Bericht des Unternehmens über sein eigenes Experiment mit der Vier-Tage-Woche</a>. Wer ihn liest, liest keine Untersuchung. Er liest, was ein Betrieb über sich selbst sagen will. Genau deshalb habe ich ihn zweimal gelesen, einmal schnell und einmal langsam.</p>
<h2 id="was-im-betrieb-geaendert-wurde" class="anchor-heading">Was im Betrieb geändert wurde</h2>
<p>Vollzeit hieß dort vorher 40 Stunden, jetzt 36, bei gleichbleibendem Gehalt. Die 36 Stunden verteilen sich auf vier Tage; der fünfte bleibt frei, und wer an ihm arbeitet, tut das im Homeoffice oder beim Kunden. Erklärtes Ziel war, in der Regel drei Tage Wochenende zu haben. Der Mechanismus ist unspektakulär: weniger Stunden, gebündelte Tage, gleiches Geld.</p>
<p>Die berichteten Erfahrungen fallen überwiegend freundlich aus. Die Motivation an der eigenen Produktivität sei hoch, das verlängerte Wochenende werde geschätzt und erlaube eine bessere Erholung, Überstunden hätten sich gegenüber der Fünf-Tage-Woche nicht signifikant verändert, der Geschäftserfolg sei etwas besser gewesen als im Vorjahr. Und es kamen viele Bewerbungen, für ein kleineres Unternehmen vermutlich das schwerste Argument.</p>
<p>Die Kosten stehen im selben Text, nur leiser. Aus dem Team kommen der Endspurt am Donnerstag, das volle Postfach am Montag, längere Arbeitstage, die ein anderes Energiemanagement verlangen, und weniger Abendunternehmungen. Manchmal, so heißt es dort, fehle der „smoothe Freitag“. Dieser Satz ist der nützlichste des Berichts, weil er etwas benennt, das in keiner Kennzahl aufgeht.</p>
<p>Geblieben ist das Unternehmen dauerhaft bei der Vier-Tage-Woche, nach eigener Angabe ohne festgestellte Risiken. Das ist der glatteste Satz im ganzen Text. Ich kann ihn weder widerlegen noch prüfen. Er markiert die Stelle, an der eine Selbstauskunft endet und eine Untersuchung anfangen würde.</p>
<h2 id="die-grenzen-einer-selbstauskunft" class="anchor-heading">Die Grenzen einer Selbstauskunft</h2>
<p>Der Fall zeigt, dass ein Betrieb mit 36 Stunden an vier Tagen ein Jahr lang arbeiten kann, ohne dass nach eigener Darstellung die Arbeit liegen bleibt. Er zeigt nicht, dass es überall so läuft. Es gibt keine Vergleichsgruppe, keine von außen erhobene Messung, keine Trennung von Wirkung und Erwartung. Wer nach einem Jahr noch da ist und Auskunft gibt, gehört vermutlich eher zu denen, die bleiben wollten. Das ist keine Unterstellung, es ist die normale Grenze eines Berichts, den ein Unternehmen über sich selbst schreibt.</p>
<p>Schwer zu trennen sind Zufriedenheit und Produktivität. Wenn vier Tage die Arbeit aufnehmen sollen, für die vorher fünf zur Verfügung standen, wächst der Druck auf jeden einzelnen Tag. Wer das als Schub erlebt, arbeitet konzentrierter. Wer es als Verdichtung erlebt, arbeitet schneller und macht mehr Fehler. Beides kann in derselben Bilanz als gute Leistung erscheinen. Die Aussage, die Motivation an der eigenen Produktivität sei hoch, beschreibt ein Gefühl und kein Ergebnis. Dass die Geschäftszahlen etwas besser waren als im Vorjahr, ist ein Ergebnis mit vielen möglichen Ursachen; der Bericht trennt keine davon ab.</p>
<p>Was eine Statistik wie die <a href="/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/">Teilzeitquote in Deutschland</a> über das Land sagt und was sie offenlässt, gilt an einem einzelnen Unternehmen in kleinerem Maßstab. Ein Fall ist ein Hinweis, keine Regel.</p>
<h2 id="wer-freitags-noch-erreichbar-ist" class="anchor-heading">Wer freitags noch erreichbar ist</h2>
<p>Betriebe bestehen selten aus einer einzigen Gruppe mit derselben Arbeit. Neben den Menschen, deren Aufgaben sich in vier Tage bündeln lassen, gibt es andere: den Vertrieb, der sich nach den Terminen der Kundinnen und Kunden richtet, den Support mit zugesagter Erreichbarkeit, die Produktion im Schichtbetrieb, die Abrechnung zum Monatsende. Ist eine Abteilung freitags geschlossen, merken das nicht allein die eigenen Leute. Anfragen kommen am Montag doppelt an, Zusagen verschieben sich, und Kolleginnen und Kollegen in anderen Funktionen fangen auf, was sie auffangen können. Zu dieser Seite sagt der Bericht nichts. Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Es heißt, dass sie in der Selbstauskunft nicht vorkommt.</p>
<p>Für jemanden, der nach einer Pause <a href="/journal/beruflicher-wiedereinstieg/">beruflich zurückkehren</a> will, ist das keine Nebenfrage. Ein Modell, das an einer Stelle funktioniert, muss an einer Schnittstelle noch lange nicht funktionieren.</p>
<h2 id="warum-der-freitag-mehr-ist-als-ein-tag-ohne-arbeit" class="anchor-heading">Warum der Freitag mehr ist als ein Tag ohne Arbeit</h2>
<p>Im Betrieb ist der Freitag oft der Tag ohne Kundentermine. Er ist der Tag, an dem die Woche abgeräumt wird, an dem die Telefonate geführt werden, für die sonst niemand Zeit hat, an dem die Aufgabe erledigt wird, die Ruhe braucht. Fällt er weg, verschwindet diese Arbeit nicht. Sie rutscht in die verbleibenden Tage oder in den Abend. Der Endspurt am Donnerstag, von dem das Team bei Janus erzählt, ist genau das: eine Aufgabe, die ihren Platz verloren hat. Über diesen Übergang habe ich in <a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a> geschrieben; eine kürzere Woche verschiebt ihn, sie schafft ihn nicht ab.</p>
<p>Bei mir fällt der Freitag weg, seit ich 28 Stunden an vier Tagen arbeite. Mein Betrieb ist nicht Janus, und meine 28 Stunden sind keine 36. Was ich trotzdem wiedererkenne, ist die Form der Woche. Der Donnerstag ist voll, und ich schreibe das lieber vorher in den Kalender, als es hinterher zu bemerken. Freitags ist der Weg zur Haltestelle leerer. Die Glocken von St. Alfons um sieben Uhr höre ich an diesem Tag ohne Eile; über <a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">meine Beziehung zu St. Alfons</a> habe ich an anderer Stelle geschrieben. Frei heißt an diesem Tag nicht unverplant: Er ist der Tag für die Bibliothek, für Termine, die sonst in den Abend rutschen.</p>
<p>Dass ich Arbeitszeitmodelle seit Jahren auch von der planenden Seite kenne, kommt nicht von ungefähr; <a href="/journal/mein-berufsweg/">was mein Berufsweg über mich erzählt</a>, hat viel damit zu tun. Das Modell bei Janus ist trotzdem nicht mein Modell. Es ist ein Beispiel unter anderen, und in <a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a> steht, welche Texte über Arbeit bei mir hängen geblieben sind.</p>
<p>Was ich nicht weiß: Was müsste ein Betrieb veröffentlichen, damit man seinem eigenen Bericht mehr entnehmen kann als die Absicht, die dahintersteht? Vielleicht wäre es schon viel, wenn jemand aufschriebe, wer die Arbeit am Freitag übernimmt. Auf meinem Schreibtisch liegt am Montagmorgen noch der Zettel vom Donnerstag. Ich hebe ihn auf und fange dort an, wo ich aufgehört habe.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Wenn der Arbeitstag endet</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/</link>
      <guid isPermaLink="true">https://karriere-st-alfons.de/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/</guid>
      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>beruf</category>
      <description>Über die Stunde zwischen Büro und Abend, über Anrufe um zwanzig Uhr fünfzehn und über die Frage, wann ein Arbeitstag wirklich vorbei ist.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Zwischen halb fünf und fünf wird es im Büro leiser, und das liegt nicht an den Menschen. Es
liegt an der Lüftung, die herunterfährt, und am Kaffeevollautomat, der nach einer halben
Stunde Nichtbenutzung in einen Standby geht und dabei zweimal kurz klickt. Ich höre das erst,
seit ich an einem Platz sitze, der weit genug von der Tür und nah genug an der Küche ist.</p>
<p>Das Geräusch ist zuverlässiger als jeder Kalender. Es sagt mir, dass der Tag jetzt aufhört,
unabhängig davon, ob ich fertig bin.</p>
<h2 id="die-letzten-zwanzig-minuten" class="anchor-heading">Die letzten zwanzig Minuten</h2>
<p>Ich habe mir angewöhnt, die letzten zwanzig Minuten nicht mehr mit Arbeit zu verbringen,
sondern mit dem, was danach kommt. Ich schreibe auf, wo ich stehengeblieben bin, und zwar so,
dass ich es am nächsten Morgen verstehe. Meistens sind es drei Zeilen. Manchmal ist es eine
Frage an mich selbst, die am nächsten Tag dumm aussieht, und dann streiche ich sie durch.</p>
<p>Das ist keine Produktivitätsmethode, die ich irgendwo gelesen hätte. Es ist das Ergebnis
eines Jahres, in dem ich montags regelmäßig eine halbe Stunde damit verbracht habe,
herauszufinden, was ich freitags gedacht hatte. Über dieses Jahr und darüber, wie ich
überhaupt in diese Rolle gekommen bin, steht mehr in
<a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a>.</p>
<h2 id="der-weg-dazwischen" class="anchor-heading">Der Weg dazwischen</h2>
<p>Zwischen dem Büro und dem Abend liegt bei mir eine halbe Stunde. Ich gehe zu Fuß zur
Haltestelle, fahre vier Stationen und gehe dann noch zwölf Minuten bergauf. Diese zwölf
Minuten sind der Teil, der zählt. Wer den kürzeren Weg nimmt, kommt früher an und hat den
Tag noch im Kopf; wer den längeren nimmt, kommt später an und hat ihn abgegeben. Ich habe
das nicht als Regel erfunden, ich habe es nur bemerkt. Was auf diesem Weg liegt, steht in
<a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a>.</p>
<p>Was ich dort nicht auflösen kann: Der Weg funktioniert nur, wenn ich ihn allein gehe. Mit
dem Fahrrad dauert alles acht Minuten und bringt nichts.</p>
<h2 id="was-mit-nach-hause-kommt" class="anchor-heading">Was mit nach Hause kommt</h2>
<p>Ein Arbeitstag endet nicht, wenn man das Gebäude verlässt. Er endet, wenn man aufhört, ihn
im Kopf weiterzurechnen, und dieser Zeitpunkt ist nicht steuerbar.</p>
<p>Bei mir sind es meistens die Stellenpläne. Wenn ich eine Umstrukturierung begleite, liegen
zwischen einer Entscheidung im Gremium und der Information der Betroffenen oft sechs bis zehn
Wochen. In diesen Wochen weiß ich Dinge, die ich nicht sagen darf, und treffe Menschen im
Treppenhaus, die sie nicht wissen. Das ist der Teil meines Berufs, an dem ich am
schlechtersten schlafe, und es ist kein Versagen des Arbeitgebers. Es ist die Struktur.</p>
<p>Wenn es schlimm ist, wache ich um vier auf und rechne. Nicht die große Frage, sondern
Kleinkram: ob ein Gespräch am Dienstag richtig terminiert war, ob ich einen Satz anders hätte
sagen müssen. Ich habe eine Zeit lang versucht, das wegzuatmen. Rückblickend war das
Nützlichste, was ich getan habe, etwas Unspektakuläres: Ich habe aufgehört, abends noch
E-Mails zu lesen. Nicht aus Prinzip, sondern weil ich gemerkt habe, dass eine Mail um
einundzwanzig Uhr vierzig dieselbe Wirkung hat wie ein Anruf, nur ohne die Möglichkeit,
zurückzufragen.</p>
<p>Zu Hause gibt es eine andere Art von Verantwortung. Wie wir für meine Mutter Unterstützung organisiert haben, beschreibe ich in <a href="/journal/pflegegrad-betreuung-zu-hause/">unserem Bericht über Betreuung nach dem Pflegegrad</a>. Das ist eine persönliche Familienerfahrung, keine allgemeine Lösung für alle.</p>
<h2 id="der-anruf-um-zwanzig-uhr-fuenfzehn" class="anchor-heading">Der Anruf um zwanzig Uhr fünfzehn</h2>
<p>Vor zwei Jahren hat mich eine Kollegin um zwanzig Uhr fünfzehn angerufen, weil ein Termin am
nächsten Morgen zu platzen drohte. Ich habe abgenommen. Das war richtig, es war ein echtes
Problem, und es war in zehn Minuten geklärt.</p>
<p>Danach habe ich bis Mitternacht wach gelegen, nicht wegen des Problems, sondern wegen der
Tatsache, dass ich erreichbar war. Es gibt in meinem Betrieb keine Regel, die das verlangt.
Es gibt nur eine Gewohnheit, die sich eingeschlichen hat, und Gewohnheiten sind schwerer
abzuschaffen als Regeln, weil man sie selbst gemacht hat.</p>
<p>Wir haben später im Team besprochen, wie wir das handhaben wollen. Das Ergebnis ist
unspektakulär: eine Nummer für Notfälle, alles andere am nächsten Morgen. Ich schreibe das
hier auf, weil ich lange geglaubt habe, Erreichbarkeit sei eine Frage des Charakters. Sie ist
eine Frage der Vereinbarung.</p>
<p>Über Arbeitszeit reden wir gerade viel, und ich habe dazu eine Zahl aufgeschrieben:
<a href="/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/">Teilzeit in Deutschland</a> erklärt, was die offizielle
Quote misst und was nicht. Wer nach einer Pause zurückkommt, findet die praktischen Fragen in
<a href="/journal/beruflicher-wiedereinstieg/">Beruflich zurückkehren</a>.</p>
<h2 id="der-freitag" class="anchor-heading">Der Freitag</h2>
<p>Seit 2022 arbeite ich Montag bis Donnerstag. Der Freitag ist frei, und ich habe ein Jahr
gebraucht, um ihn nicht als verlängerten Donnerstag zu behandeln. Die ersten Monate habe ich
ihn mit allem gefüllt, was ich unter der Woche liegen gelassen hatte, was dazu führte, dass
er sich anfühlte wie ein sechster Arbeitstag ohne Bezahlung.</p>
<p>Inzwischen hat der Freitag eine Form, die ich niemandem empfehlen würde, weil sie zu mir
gehört. Vormittags Besorgungen und der Wochenmarkt. Nachmittags gehe ich meistens in die
Kirche, weil sie dann leer ist und weil ich dort nicht erklären muss, warum ich da bin. Der
Zusammenhang zwischen dem freien Freitag und diesem Weg ist mir erst nach einem Jahr
aufgefallen. Erzählt habe ich davon zuerst in
<a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">Meine Beziehung zu St. Alfons</a>.</p>
<p>Wie der Stadtteil aussieht, in dem sich das abspielt, steht in
<a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg</a>. Am Ende bleibt bei mir eine
Frage, die ich nicht beantworten kann: ob ein Tag wirklich besser wird, wenn man ihn
pünktlich beendet, oder ob man sich nur angewöhnt, ihn pünktlich zu beenden. Ich weiß es
nicht. Ich mache es weiter.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Meine Beziehung zu St. Alfons</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/</link>
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      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>kirche</category>
      <description>Vom Küchenfenster aus sehe ich den Turm. Was ich dort suche, kann ich nicht vollständig erklären, und das ist mir inzwischen lieber als eine fertige Antwort.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Von unserem Küchenfenster aus sehe ich den Turm von St. Alfons. Im Winter sieht man ihn
deutlich, weil dann die Kastanie vor dem Haus kahl ist; im Sommer ist er weg, und ich
vergesse für ein paar Monate, dass er da ist. Jedes Jahr im November fällt mir auf, dass ich
ihn vermisst habe, ohne es gemerkt zu haben.</p>
<p>Ein Kirchturm als Wetteranzeige wäre ein schwacher Grund, über Religion zu schreiben. Ich
fange trotzdem damit an, weil es stimmt und weil es die einfachste wahre Aussage über mein
Verhältnis zu diesem Ort ist: Er ist zuerst ein Gebäude in meiner Nachbarschaft, und alles
andere hat sich daran gehängt.</p>
<h2 id="wie-ich-dort-gelandet-bin" class="anchor-heading">Wie ich dort gelandet bin</h2>
<p>Aufgewachsen bin ich in Heidingsfeld, in einer Familie, in der man zur Kirche ging, weil es
samstags so war. Erstkommunion mit neun, Ministrantin mit elf, mit sechzehn aufgehört. Es gab
keinen Streit, keine Krise, keinen Anlass. Ich hatte einfach andere Samstage.</p>
<p>Zwischen sechzehn und dreißig bin ich vielleicht fünfmal in einer Kirche gewesen, und vier
davon waren Hochzeiten. Als wir 2009 ins Frauenland zogen, war St. Alfons für mich ein
Gebäude, an dem die Straßenbahn vorbeifährt, und ich hätte nicht sagen können, wem es gehört.
Dass es sich um eine Kirche der Nachkriegsmoderne handelt, mit einem Bild von zehn mal zwanzig
Metern hinter dem Altar und einem Architekten, der die Diözese geprägt hat, wusste ich nicht
und wollte ich nicht wissen. Wer mehr über den Bau lesen will, findet das in
<a href="/journal/st-alfons-nachkriegsmoderne/">St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne</a> und in
den Notizen unter <a href="/st-alfons/">St. Alfons im Frauenland</a>.</p>
<p>Zurückgegangen bin ich an einem Mittwochnachmittag im Oktober, weil ich zwischen zwei Terminen
eine Dreiviertelstunde zu überbrücken hatte und es regnete. Ich habe mich in die letzte Bank
gesetzt und eine Weile auf die Wand geschaut. Dann bin ich wieder gegangen und habe die
Dreiviertelstunde als erledigt verbucht.</p>
<p>Ich bin ein paar Wochen später noch einmal hingegangen. Ich kann nicht sagen, warum.</p>
<h2 id="was-ich-dort-tue" class="anchor-heading">Was ich dort tue</h2>
<p>Ich gehe werktags, meistens zwischen sechs und sieben, wenn geläutet worden ist. Ich setze
mich nicht immer an dieselbe Stelle. Ich bete nicht im Sinn eines formulierten Gebets. Ich
sitze da, ich schaue, ich sortiere.</p>
<p>Was auf den ersten Blick nach wenig klingt, ist in meinem Fall viel. Ich habe einen Beruf, in
dem ich den ganzen Tag mit Menschen rede, Entscheidungen vorbereite und Formulierungen
abwäge. In St. Alfons muss ich nichts davon tun. Es ist der einzige Ort in meiner Woche, an
dem ich keine Erklärung abgeben muss.</p>
<p>Der Bau hilft dabei. Der Raum steigt zum Altar hin an, sodass man von hinten nach vorn
automatisch etwas nach oben schaut, ohne sich dafür zu entscheiden. Das Licht fällt über
Glaswände auf die Altarwand und liegt nicht gleichmäßig im Raum. Ich habe das lange für eine
Bauentscheidung gehalten und erst später begriffen, dass es eine ist, die etwas bewirken soll.
Über die Architektur des Viertels, in dem dieses Haus steht, steht mehr in
<a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg</a>, und über den Weg dorthin in
<a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a>.</p>
<h2 id="was-ich-glaube-und-was-nicht" class="anchor-heading">Was ich glaube und was nicht</h2>
<p>Ich glaube nicht, dass ich durch diese Kirche gläubiger geworden bin. Ich bin auch nicht
sicher, dass ich sagen könnte, woran ich glaube, wenn mich jemand auf einem Fragebogen danach
fragte. Ich bin getauft, ich bin Mitglied der Gemeinde über die Kirchensteuer, und ich habe
kein Amt, keine Gruppe und keine Aufgabe.</p>
<p>Was ich habe, ist eine Praxis, die sich verselbständigt hat, und ein paar Sätze, die ich
inzwischen für wahr halte, ohne sie herleiten zu können. Der wichtigste: Man muss nicht
verstehen, was an einem Ort geschieht, um dort hinzugehen. Der zweite: Es ist kein Zeichen
von Schwäche, wenn man einen Ort nur wegen der Ruhe mag.</p>
<p>Was ich nicht glaube, ist die Version, die ich manchmal höre, wenn Leute über Kirche
sprechen: dass man zurückkommt, weil man etwas gefunden hat. Ich bin nicht zurückgekommen,
weil ich etwas gefunden habe. Ich bin geblieben, weil ich nichts gefunden habe und es
aushaltbar war.</p>
<h2 id="was-ich-nicht-tue" class="anchor-heading">Was ich nicht tue</h2>
<p>Ich spreche nicht für die Pfarrei, ich kenne niemanden aus dem Gemeindeleben, und ich wäre
die falsche Person, um jemandem zu erklären, was dort geglaubt wird. Diese Seite ist meine
private, sie hat mit der Gemeinde nichts zu tun, und die Gemeinde weiß nichts von ihr.</p>
<p>Ich bin auch nicht die Person, die anderen empfiehlt, in die Kirche zu gehen. Was bei mir
funktioniert, hat viel mit Zufall zu tun: mit der Entfernung, mit dem Geburtsjahr, mit einem
Mittwochnachmittag im Regen.</p>
<h2 id="am-ende-bleibt-etwas-praktisches" class="anchor-heading">Am Ende bleibt etwas Praktisches</h2>
<p>Es gibt in meinem Leben eine Handvoll Situationen, in denen ich nicht weiterweiß und in denen
ich niemanden anrufen will. Früher habe ich in solchen Fällen die Wohnung geputzt. Heute gehe
ich hin, setze mich zwanzig Minuten hin und gehe wieder. Danach ist nichts gelöst. Es ist nur
nicht mehr alles gleichzeitig da.</p>
<p>Dass ich inzwischen 28 Stunden an vier Tagen arbeite und der freie Freitag meistens mit einem
Teil dieses Weges zusammenfällt, habe ich in
<a href="/journal/wenn-der-arbeitstag-endet/">Wenn der Arbeitstag endet</a> aufgeschrieben. Wie ich
dorthin gekommen bin, steht in <a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a>.
Und was ich in dieser Zeit lese, hat wenig mit Kirche zu tun und steht trotzdem in
<a href="/journal/was-ich-lese-und-behalte/">Was ich lese und behalte</a>.</p>
<p>Vorgestern war der Kirchturm zum ersten Mal in dieser Saison wieder zu sehen.</p>
]]></content:encoded>
    </item>
    <item>
      <title>Was ich lese und behalte</title>
      <link>https://karriere-st-alfons.de/journal/was-ich-lese-und-behalte/</link>
      <guid isPermaLink="true">https://karriere-st-alfons.de/journal/was-ich-lese-und-behalte/</guid>
      <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 06:00:00 GMT</pubDate>
      <dc:creator>Christine Wefers</dc:creator>
      <category>beruf</category>
      <description>Warum ich seit Jahren mehr anfange als beende, welche fünf Bücher trotzdem geblieben sind und was ein Bücherschrank damit zu tun hat.</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ich lese langsam und unregelmäßig. Auf meinem Nachttisch liegen seit dem Frühjahr vier
Bücher, von denen ich drei angefangen habe und keines zu Ende. Das klingt nach einem
Problem, ist aber seit ungefähr zehn Jahren mein Normalzustand, und ich habe aufgehört, es
mir abzugewöhnen.</p>
<p>Was ich wirklich behalte, sind wenige Titel. Es sind auch nicht die besten Bücher, die ich
gelesen habe, sondern die, bei denen ich nach Jahren noch weiß, wo ich saß.</p>
<h2 id="wie-ich-lese" class="anchor-heading">Wie ich lese</h2>
<p>Zwei Dinge haben sich verändert. Erstens lese ich seit etwa 2015 kaum noch am Stück. Ein Buch
muss mir nicht mehr gefallen, um wichtig zu sein; ich darf es auch nach achtzig Seiten
weglegen. Zweitens schreibe ich hinein. Nicht ordentlich, nur Randstriche und ein Datum,
wenn ich eine Stelle zum zweiten Mal anstreiche.</p>
<p>Wenn ich in einem Buch zweimal dieselbe Stelle markiere, ist das für mich das Signal, dass
dort etwas steht, was ich noch nicht zu Ende gedacht habe. Vier von fünf Büchern, die ich
behalten habe, haben solche doppelten Striche.</p>
<p>Was ich gar nicht mehr lese: Bücher über Produktivität. Das hat einen konkreten Grund, der
in <a href="/journal/mein-berufsweg/">Was mein Berufsweg über mich erzählt</a> steht. Kurz gefasst: Ich
habe in einer Phase, in der ich überlastet war, angefangen, mehr Ratgeber zu lesen, und das
hat die Sache nicht verbessert.</p>
<h2 id="die-fuenf-die-geblieben-sind" class="anchor-heading">Die fünf, die geblieben sind</h2>
<p>Die vollständigen Notizen zu diesen Titeln stehen unter <a href="/lesezeichen/">Lesezeichen</a>. An
dieser Stelle nur, was sie jeweils mit mir gemacht haben.</p>
<p>Ein Stadtteilbuch über die Keesburg, von dem ich nicht wusste, dass es existiert, bis ich es
in der Bibliothek im Regal neben etwas ganz anderem gefunden habe. Es hat mir erklärt, warum
die Häuser in meiner Nachbarschaft so unterschiedlich aussehen, und es hat dazu geführt, dass
ich angefangen habe, den Stadtteil überhaupt zu beschreiben:
<a href="/journal/frauenland-und-keesburg/">Frauenland und Keesburg</a> und
<a href="/journal/ein-weg-durch-keesburg/">Ein Weg durch Keesburg</a> wären ohne dieses Buch nicht
entstanden.</p>
<p>Eine australische Studie über Zeitmanagement in Büros. Ich habe sie gelesen, weil ich in
meiner Arbeit ständig mit Zeitplänen zu tun habe, und sie hat mir ein Argument geliefert, das
ich vorher nur als Gefühl hatte. Seitdem lese ich Kennzahlen zur Arbeitszeit anders, auch die
<a href="/journal/teilzeit-zahlen-deutschland/">Teilzeitquote</a>, die ich an anderer Stelle erklärt
habe.</p>
<p>Ein kurzer Essayband über die Frage, was sich herstellen lässt und was nicht. Das ist das
Buch, aus dem ich am häufigsten einen Satz weitergebe, und das einzige, bei dem ich den
Einwand bis heute nicht auflösen kann: In einem Betrieb muss geplant werden, ob man will oder
nicht.</p>
<p>Ein Roman, der eigentlich keiner ist, über ein Frauenleben in Frankreich, erzählt über
Fotografien und Dinge statt über Gefühle. Ich lese ihn alle paar Jahre wieder und finde jedes
Mal eine andere Stelle wichtig. Beim ersten Mal war es eine Passage über das Kaufhaus, beim
dritten eine über den Tod der Mutter.</p>
<p>Ein theologisches Buch, das ich vor Jahren aus einem öffentlichen Bücherschrank mitgenommen
habe, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ich stimme der Autorin nicht in allem zu. Ich
lese sie trotzdem, und ich habe darüber in
<a href="/journal/meine-beziehung-zu-st-alfons/">Meine Beziehung zu St. Alfons</a> geschrieben, weil
sich die Frage nach dem, was man glaubt, und die Frage nach dem, was man tut, dort nicht
trennen lassen. Wer sich für den Bau interessiert, in dem ich diese Frage durchdenke, findet
die Baugeschichte in <a href="/journal/st-alfons-nachkriegsmoderne/">St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne</a>.</p>
<h2 id="was-auf-dem-stapel-liegt" class="anchor-heading">Was auf dem Stapel liegt</h2>
<p>Im Moment liegen auf dem Nachttisch ein Buch über Arbeitszeitmodelle, das ich beruflich lese
und privat nicht loswerde, ein Roman, den mir meine Schwester zu Weihnachten geschickt hat
und den ich seit Februar nicht aufgeschlagen habe, und ein Band mit Briefen, in dem ich
ungefähr eine Seite pro Woche schaffe.</p>
<p>Das Briefbuch ist das beste von den dreien, und ich weiß nicht, ob ich es in diesem Jahr
beende. Es hat 600 Seiten. Ich bin auf Seite 71.</p>
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    </item>
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