Am Rand der Gartenstadt Keesburg steht ein Gebäude, das sich nicht verstecken will und trotzdem nichts vorführt. Von der Matthias-Ehrenfried-Straße aus sieht man zuerst eine helle, geschlossene Wand und daneben, frei stehend, einen Turm. Aus der Entfernung wirkt das nüchtern. Wer näher kommt, sieht, wie viele Flächen hier gegeneinander arbeiten.
Die Kirche gehört zur Pfarrei St. Alfons Maria Liguori und steht auf dem Neuberg. Wie der Stadtbezirk Frauenland und die Gartenstadt Keesburg zueinander liegen, habe ich in Frauenland und Keesburg: ein genauer Blick auf den Stadtbezirk aufgeschrieben. Für diesen Text zählt vor allem, dass hier in einer jungen Siedlung gebaut wurde und nicht in einem alten Ortskern.
Eine Gemeinde vor der Kirche
1951 wurde für die Katholiken der neuen Siedlung eine Kirchengemeinde gegründet. Im selben Jahr entstand eine Niederlassung der Redemptoristen. Deren Ordenspatron, Alfons Maria von Liguori, wurde Pfarrpatron. Die Kirche ist Pfarrkirche, und sie war zugleich Klosterkirche der Redemptoristengemeinschaft.
Ebenfalls 1951 schrieb man einen Architekturwettbewerb aus. Die Ergebnisse überzeugten die Kommission nicht. Zusätzlich kamen zwei Entwürfe von Hans Schädel in die Diskussion, und Schädels letzter Entwurf wurde am 1. Juli 1953 genehmigt. Die Grundsteinlegung folgte am 2. August 1953, die Weihe durch Bischof Julius Döpfner am 7. November 1954.
Zwischen Grundstein und Weihe liegen fünfzehn Monate. Für einen Bau dieser Größe ist das knapp, und mehr als diese Rechnung kann ich dazu nicht beitragen.
Hans Schädel, lange im Dienst der Stadt
Schädel lebte von 1910 bis 1996. Er war lange bei der Stadt Würzburg tätig und wurde später Bauamtsleiter der Diözese. Was im Bistum in diesen Jahren an Kirchen gebaut wurde, hat er mitgeprägt. Mit Georg Meistermann war er befreundet, und ohne diese Freundschaft sähe die Altarwand heute anders aus.
Ein Betongerüst aus ansteigenden Körpern
Der Bau ist ein Betonskelett aus einander durchdringenden, ansteigenden Körpern. Das Dach ist ein Pultdach, also eine einzige schräge Fläche und keine Firstlinie, die zwei Seiten trennt. Von außen ist die Konstruktion deutlicher zu sehen als von innen: Die Wandflächen bleiben geschlossen, und die Höhe sammelt sich an einer Stelle. Wer die Einordnung dieses Baus in die Kirchenarchitektur des 20. Jahrhunderts genauer verfolgen will, findet sie in der fachlichen Darstellung von St. Alfons bei „Straße der Moderne“.
Innen ist St. Alfons einschiffig. Der Raum folgt einem trapezförmigen Grundriss und steigt zum Altar hin an. Der Blick läuft mit dem Boden nach vorn und endet an der Altarwand. Diese Verbindung aus enger werdendem Grundriss und höher werdendem Boden erinnert an Otto Bartnings Gustav-Adolf-Kirche in Berlin. Die Berliner Kirche kenne ich nur von Abbildungen, den Vergleich kann ich also nicht selbst nachprüfen.
Der Turm steht nördlich und nicht am Haus
Der Campanile ist freistehend, steht nördlich der Kirche und ist knapp 40 Meter hoch. Quellen nennen 38 Meter, andere ungefähr 39. Gemessen habe ich nichts. Vom Küchenfenster aus ist der Turm ohnehin nur eine Silhouette, im Winter deutlich, im Sommer halb hinter den Blättern. Die Glocken höre ich werktags um sieben und um achtzehn Uhr, sonntags länger. Die Glocke um achtzehn Uhr fällt oft mit dem zusammen, was ich am Ende eines Arbeitstags zusammenräume.
Die Westseite ist arm an Schmuck
An der Westseite liegen drei Bronzetüren. Vier pfeilerartige Mauerstücke flankieren sie paarweise, zwei auf der einen, zwei auf der anderen Seite. Dadurch sitzen die Türen gefasst in der Wand und nicht offen in einer Glasfront. Die Ostseite des Altarraums ragt dafür hoch auf. Das Gebäude hat keine zweite Schauseite; es hat einen Eingang und eine Höhe dahinter.
Samstags komme ich mit dem Marktkorb die Straße herauf. Von der Fassade sehe ich dann wenig, weil ich auf den Verkehr achte. Was hängen bleibt, sind die Schatten der vier Mauerstücke: morgens lang über die Wand, mittags schmal und fast verschwunden. Über die Jahre habe ich aufgehört, das für Zufall zu halten.
Zwanzig Meter Glas und ein Bild von zehn mal zwanzig Metern
Der Chor wird durch Glaswände belichtet, die etwa 20 Meter hoch sind. Die Zahl stammt aus der Literatur, nicht aus meinem Notizbuch.
Georg Meistermann, 1911 bis 1990, schuf 1954 das Altarbild an der Altarwand. Es misst rund 10 mal 20 Meter, also etwa 200 Quadratmeter, und zeigt die Anbetung des Lammes und die himmlische Liturgie nach der Offenbarung des Johannes. Im unteren Teil steht der Erdball mit eucharistischen Motiven. Von Meistermann stammt auch der dreieckige Taufstein mit drei Vertiefungen an den Ecken.
Mitte der fünfziger Jahre erregte das Bild Anstoß. Es war von einem „Marsmenschengemälde“ die Rede und von „Schinken“. Ich gebe das wieder, weil es zur Geschichte dieses Bildes gehört. Ich selbst habe lange gebraucht, um die Wand ohne diese beiden Wörter im Kopf anzusehen.
Schädel schrieb am 30. Oktober 1954 in einem Brief an Meistermann: „Du wirst Dich freuen, Dein Bild steht wie eine kostbare glühende Vision im Raum und beherrscht denselben.“ Das war gut eine Woche vor der Weihe. Der Satz ist ein Zuspruch unter Freunden und zugleich eine Beschreibung dessen, was eine Wand in einem Raum anrichten kann.
Was später in den Raum kam
1963 wurde der Altarraum umgestaltet, seit 1977 steht der Hauptaltar auf einer Altarinsel. Von Julius Bausenwein stammt das Kruzifix an der linken Seitenwand, es entstand 1955. HAP Grieshaber schuf den „Kreuzweg der Versöhnung“, der seit 1994 in der Kirche zu sehen ist; genauer habe ich diese Drucke in Vierzehn Stationen an der Betonwand betrachtet. Helmut Weber machte Volksaltar, Sedilien und Ambo in Bronze.
Zu den einzelnen Stücken kann ich wenig sagen. Ich sehe sie und erkenne, dass sie aus verschiedenen Händen kommen, aber ich weiß nicht, wer wann welche Entscheidung durchgesetzt hat. Diese Lücke kann ich nicht schließen, ohne etwas zu erfinden, und das will ich nicht.
Was ich sonst dazu notiert habe
Wer den Weg selbst gehen will, findet ihn in Ein Weg durch Keesburg. Über meinen Zugang zu diesem Ort steht mehr in Meine Beziehung zu St. Alfons. Von den Arbeitswochen, die meinen Tagen den Takt geben, handelt Was mein Berufsweg über mich erzählt, und was ich von dieser Lektüre tatsächlich behalte, steht in Was ich lese und behalte.
