Ich lese langsam und unregelmäßig. Auf meinem Nachttisch liegen seit dem Frühjahr vier Bücher, von denen ich drei angefangen habe und keines zu Ende. Das klingt nach einem Problem, ist aber seit ungefähr zehn Jahren mein Normalzustand, und ich habe aufgehört, es mir abzugewöhnen.

Was ich wirklich behalte, sind wenige Titel. Es sind auch nicht die besten Bücher, die ich gelesen habe, sondern die, bei denen ich nach Jahren noch weiß, wo ich saß.

Wie ich lese

Zwei Dinge haben sich verändert. Erstens lese ich seit etwa 2015 kaum noch am Stück. Ein Buch muss mir nicht mehr gefallen, um wichtig zu sein; ich darf es auch nach achtzig Seiten weglegen. Zweitens schreibe ich hinein. Nicht ordentlich, nur Randstriche und ein Datum, wenn ich eine Stelle zum zweiten Mal anstreiche.

Wenn ich in einem Buch zweimal dieselbe Stelle markiere, ist das für mich das Signal, dass dort etwas steht, was ich noch nicht zu Ende gedacht habe. Vier von fünf Büchern, die ich behalten habe, haben solche doppelten Striche.

Was ich gar nicht mehr lese: Bücher über Produktivität. Das hat einen konkreten Grund, der in Was mein Berufsweg über mich erzählt steht. Kurz gefasst: Ich habe in einer Phase, in der ich überlastet war, angefangen, mehr Ratgeber zu lesen, und das hat die Sache nicht verbessert.

Die fünf, die geblieben sind

Die vollständigen Notizen zu diesen Titeln stehen unter Lesezeichen. An dieser Stelle nur, was sie jeweils mit mir gemacht haben.

Ein Stadtteilbuch über die Keesburg, von dem ich nicht wusste, dass es existiert, bis ich es in der Bibliothek im Regal neben etwas ganz anderem gefunden habe. Es hat mir erklärt, warum die Häuser in meiner Nachbarschaft so unterschiedlich aussehen, und es hat dazu geführt, dass ich angefangen habe, den Stadtteil überhaupt zu beschreiben: Frauenland und Keesburg und Ein Weg durch Keesburg wären ohne dieses Buch nicht entstanden.

Eine australische Studie über Zeitmanagement in Büros. Ich habe sie gelesen, weil ich in meiner Arbeit ständig mit Zeitplänen zu tun habe, und sie hat mir ein Argument geliefert, das ich vorher nur als Gefühl hatte. Seitdem lese ich Kennzahlen zur Arbeitszeit anders, auch die Teilzeitquote, die ich an anderer Stelle erklärt habe.

Ein kurzer Essayband über die Frage, was sich herstellen lässt und was nicht. Das ist das Buch, aus dem ich am häufigsten einen Satz weitergebe, und das einzige, bei dem ich den Einwand bis heute nicht auflösen kann: In einem Betrieb muss geplant werden, ob man will oder nicht.

Ein Roman, der eigentlich keiner ist, über ein Frauenleben in Frankreich, erzählt über Fotografien und Dinge statt über Gefühle. Ich lese ihn alle paar Jahre wieder und finde jedes Mal eine andere Stelle wichtig. Beim ersten Mal war es eine Passage über das Kaufhaus, beim dritten eine über den Tod der Mutter.

Ein theologisches Buch, das ich vor Jahren aus einem öffentlichen Bücherschrank mitgenommen habe, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ich stimme der Autorin nicht in allem zu. Ich lese sie trotzdem, und ich habe darüber in Meine Beziehung zu St. Alfons geschrieben, weil sich die Frage nach dem, was man glaubt, und die Frage nach dem, was man tut, dort nicht trennen lassen. Wer sich für den Bau interessiert, in dem ich diese Frage durchdenke, findet die Baugeschichte in St. Alfons: eine Kirche der Nachkriegsmoderne.

Was auf dem Stapel liegt

Im Moment liegen auf dem Nachttisch ein Buch über Arbeitszeitmodelle, das ich beruflich lese und privat nicht loswerde, ein Roman, den mir meine Schwester zu Weihnachten geschickt hat und den ich seit Februar nicht aufgeschlagen habe, und ein Band mit Briefen, in dem ich ungefähr eine Seite pro Woche schaffe.

Das Briefbuch ist das beste von den dreien, und ich weiß nicht, ob ich es in diesem Jahr beende. Es hat 600 Seiten. Ich bin auf Seite 71.